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Strukturiert, chaotisch, organisch? Kleine Sessiontypologie

Typ 1  – Die Fake-Session.
Sie ist überstrukturiert und planwirtschaftlich organisiert. Verglichen mit ihr erscheint die Anmeldeprozedur bei der KFZ-Stelle libertinär. Nummer ziehn, Schilder drucken, abfahrn? Nicht bei der Fake-Session. Zwar fragt der Sessionleiter auch hier: „Was willst du machen?“ und „kein Problem, das kriegen wir schon hin“ (s. Blogbeitrag:  Fünf typische Ansagen… http://bit.ly/LSxdUo). Aber dann kommt  eine Besetzung nach der andern auf die Bühne, die geschlagene zweieinhalb Stunden die Stücke ihrer Setlist abarbeiten. Alles generalstabsmäßig durchgeplant. Einsteigen? Unerwünscht. In Wahrheit sind das natürlich keine Sessions, sondern Konzerte mit festen Combos, die öffentlich aufführen, was sie in den letzten Wochen hinter verschlossener Tür geübt haben.  Bei der Fake-Sesssion geht alles seinen gewohnten bürokratischen Gang. Nur zum Schein klebt das Lable an der Tür, das Spielerische, Experimentelle, ja Risikobehaftete jeder echten Session wird gewissenhaft erledigt.

Typ 2 -Die Brutalo-Session
Hierbei handelt es sich um eine Session nach dem Prinzip j‘aime le brute und meist läuft das  so:   I  c  h   [hier den Musiker mit dem größten Bühnen-Ego ensetzen] kenne das tune, mein Kumpel, der Bassist, auch und der Drummer hat’s wenigstens schon mal gehört. Darum schnell mit einem „Aehh, Aehh, Aehhh!“ (One, two three!) ins Horn stoßen und Boden machen. Gemeinsam starten? Forget it! Abstimmen, ob fünf unisono-Bläser dem armen kleinen Bossa-Thema vielleicht zu arg zusetzen? Bullshit! Die ausgewählten Stücke klingen dann meist auch so. Ein unsauberer Einstieg ebnet holprig den Weg in das Stück, aber nach vier Takten hat die andere Hälfte der Musiker allmählich erkannt – und im Realbook gefunden -, was gespielt wird. Zum Glück wird das Thema das Stückes meist wiederholt. Zum Glück? Bei der Brutalo-Sessions notwendigerweise, denn der zweite Durchlauf sitzt.

Typ drei – Die organische Session
Sie wird manchmal auch „Richtig-geile-Session“ oder „Voll abgefahrne-Session“ genannt. Organische Sessions laufen mit oder ohne Leiter insgesamt sehr gut. Obwohl viel ausprobiert wird und manches danebengeht, sind Konzentration wie Stimmung hoch. Weil alle aufeinander hören und jedes Stück mit einer „Zusammen beginnen, zusammen aufhören“ – Einstellung gespielt wird. Das lässt überraschend viel Freiheit für alles dazwischen Liegende, eben die Improvisation. Bei der organischen Session eröffnen sich zwischen den Musikern und ihren Instrumenten Dialoge und manche Erzählungen sind spannend wie bei 1001 Nacht.

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Fünf typische Ansagen und was der Sessionleiter wirklich damit meint

Er  ist Moderator, Seelentröster, Schiedsrichter und Publikumsanwalt. Der Sessionleiter oder Master of Ceremony (MC) sorgt dafür, dass die Jamsession gut über die Bühne geht. Weil er das erste und letzte Set mit seiner eigenen Band spielen kann, nimmt er die Zeit dazwischen – die eigentliche Session – wohl oder übel in Kauf.

Fünf typische Ansagen hat er fest im Repertoire, aber wie echte Diplomaten sagt auch er nur das laut, was er nicht denkt:

„Was wollt ihr denn machen?“ [Die Frage ist überflüssig, der MC weiss ohnehin, dass er bei der Antwort sehr tapfer sein muss: Autumn leaves, Blue Bosssa, Mercy, mercy, mercy. Vor seinem inneren Auge läuft die Playlist, Korrektiven werden bald für alle sichtbar.]

„Wir machen jetzt eine kurze Pause und dann geht’s weiter!“ [Seine Ohren tun weh, sein Magen braucht als Ausgleich: das Freigetränk, seine Gage.]

„Ach, dann machst du das eben beim nächsten Mal!“ [Zum Schein mitfühlend an enttäuschte Sängerin – der MC hat für seinen Geschmack schon genug von ihrer Spezies ausgehalten.]

 „So, das ist dann das letzte Stück!“ [Der Mc verliert nie die Nachbarn mit der Kurzwahltaste zum Polizeinotruf aus dem Blick. Alle anderen, die sich grade eingegroovt haben und finden, dass die Session jetzt erst richtig gut wird, sind natürlich baff.]

„Vielen Dank, ich hoffe, der Abend hat Ihnen genauso viel Spaß gemacht wie uns!“ [Der MC ist froh, dass Musik  zu den flüchtigen Künsten gehört. Dabei hat sich das Publikum gut amüsiert und alle falschen Akkorde für großartigen Jazz oder tief gefühlten Blues gehalten.]