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Musik live zeichnen: Elementarer Reichtum, statt Ex & Hopp

Ray Brown (b), George Fludas (dr), Larry Fuller (p) by Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Ray Brown (b), George Fludas (dr), Larry Fuller (p) by Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Live Zeichner Horst Müller hat auf fremder Leute Hochzeiten gemalt, die Feiern großer Unternehmen illustriert und Benefizgalas in Aquarell getaucht. Doch all das blieben  Zweck-Bündnisse. Als Herzensbund dagegen empfindet er seine Liebe zum Jazz.  In seiner eigenen Hoch – Zeit pendelte der Autodidakt zwischen den Hotspots  der Szene: Burghausen, Erlangen, München Neuburg an der Donau, Regensburg, Salzburg… Jazzer der 90er Jahre kennen ihn aus Clubs wie dem Birdland, der Unterfahrt oder von Jazzfestivals wie dem Salzburger Jazz-Herbst. Von seiner Kunst leben konnte „Live Zeichner Horst Müller“ aus Essen schlecht. Er ist überzeugt, dass Europa eine Partei für Kunst- und Kulturschaffende fehlt. 

Wann hast du Zeichnen angefangen? Mit 29, das war Ende 1984, nach sieben Jahren auf der Straße. Ich war fix und fertig und zum Sozialhilfe-Empfänger aufgestiegen.

Jazz Fotograf Peter Brunner hat Horst Müller öfter beim Zeichnen fotografiert. Hier in Slzburg beim Jazz-Herbst Mehr als 3000 Musikerfotos unter jazzfotos-brunner.at r (Alle Rechte vorberhalten)

Jazz Fotograf Peter Brunner hat Livezeichner Horst Müller beim Salzburger Jazzherbst fotografiert. Mehr als 3000 Musikerfotos unter www.jazzfotos-brunner.at (c) Peter Bunner, alle Rechte vorberhalten

Wieso wolltest du gerade Musiker zeichnen  – Musik ist doch unsichtbar? Musik war mir immer sehr nahe, sie ist sensibelste Kommunikation. In meinem Wahn, dem ich nicht widerstehen konnte, kaufte ich mir damals von meinem Heizkostengeld, das ich bar ausgezahlt bekam, für 300 DM Tablas [Anmerkung Jam-Radar: Die Tabla ist ein Schlaginstrument der nord- indischen Musik]. Mit meinem monotonen Getue hab ich Tag und Nacht die Nachbarn genervt, aber es wurde ein verdammt kalter Winter. Ich dachte wohl, aus mir könne auch noch Musiker werden. Na ja, jedenfalls war es meine erste Berührung mit Weltmusik und damit Jazz. Vor allem durch persönliche Begegnungen – zum Beispiel den Bassisten Rainer Glass, den Pianisten Thomas Tink und den Drummer Charly Antolini –  habe ich  mich intensiver mit Jazz beschäftigt. Aber im Mittelpunkt standen für mich immer die Musiker als Menschen.

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Papier, Stift, Klembrett: los geht’s! (c) Peter Brunner, Alle Rechte vorbehalten

Worauf kommt es an? Man muss die Musiker genau beobachten, die Stellen, an denen sie schwitzen, ihre individuelle Bewegung, die mit dem Instrument zu tun hat. Oder das Zusammenspiel mit den anderen, die Beziehungen, die sie musikalisch eingehen. Man darf natürlich nicht nur fasziniert auf die Bühne starren, sondern muss selbst aktiv werden und mitgehen. Eigentlich hat man unendliche Möglichkeiten. Die entscheidende Frage lautet, womit kann ich selbst zufrieden sein?

Freddy Hubbard (tp), Xavier Davis (p), Steve Davis (tb), Jimmy Green (ts),Augsburg 2002. Herzlicher Dank an Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Freddy Hubbard (tp), Xavier Davis (p), Steve Davis (tb), Jimmy Green (ts),Augsburg 2002. by Livezeichner Horst Müller (c) Alle Rechte vorbehalten

Wo liegt der Reiz der Zeichnung gegenüber dem Foto? Ich beneide  Fotografen zwar, weil sie  im Display ihre Bilder auch nachträglich noch so ranzoomen können, dass man die Schweißtropfen sieht. Aber ich tue nun mal etwas anderes. Ich kann dafür auch gleich nach dem Konzert zum Musiker gehen und mir ein Autogramm unter das Bild geben lassen. Außerdem habe ich schon mit Jazz-Legenden Gespräche geführt und durfte ihnen ganz nahe sein.

Hättest du nie Lust gehabt, Musik zu fotografieren? Doch, ich hab sogar inzwischen auch eine Digitalkamera (für 50 Euro). Manchmal mache ich begleitend ein Foto. Mir fällt auf, dass ich einen sehr guten Blick für die Motive habe. Ich mache interessante Fotos, aber Zeichnungen haben eine ganz andere Faszination. Das ist etwas Elementares.

In Farbe: Ray Brown Trio , Audi Forum Ingoldstadt 2001 by Horst Müller (Alle Rechte vorberhalten)

In Farbe: Ray Brown Trio , Audi Forum Ingoldstadt 2001 by Horst Müller (Alle Rechte vorberhalten)

Farbe? Oder Schwarz-Weiß? Vollkommen egal, wenn einem eine Sache langweilig wird, kann man jederzeit anderes ausprobieren – wie die Musiker und Musikerinnen!

Fotografen haben mit dem meist schlechten Licht in Jazzclubs ein Problem… Ach, das ist eben so wie es ist, man muss aus der Situation heraus zaubern. Manchmal hab ich aber auch ein Klemmlämpchen dabei.

Du zeichnest auch bei Jazz-Workshops und auf Jam Sessions – gibt es Unterschiede zu einem normalen Konzert? Vom Zeichnen her sind Sessions eher undankbar. Der rasche Wechsel macht es noch schwerer, sich einem Musiker zu nähern. Ansonsten ist es reizvoll, dass bei den Workshops von 12 bis 70 alles auf der Bühne zusammen kommt. Man spürt erst Schüchternheit, aber dann kommt’s: die können was.

Max Treutner (sax) in Erlangen by Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Jugend musiziert: Der damals 12jährige Max Treutner (sax)  in Erlangen by Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Junge oder Alte Musiker –ein Unterschied? Zeichnerisch – nein. Es gibt so viele junge und schon sehr erfahrene, um nicht zu sagen, ausgebuffte Musiker und Musikerinnen. Und auch alte bringen sich noch überraschend und mit viel Feingefühl kreativ ein. Ein äußerst betagter Pianist aus Manhattan, den ich mal fragte, warum er sich die Strapazen der Tournee noch antue, hat gesagt: „Lieber auf der Bühne während eines Konzerts sterben als zuhause im Pyjama vor dem TV.“

Dein Motto lautet: get rich with art? Wie ist das gemeint – kann man mit Illustrationen überhaupt reich werden? Ich meine elementaren Reichtum, den Reichtum der Seele. Ich wüsste zwar mit Geld Tolles und Gutes anzufangen, aber Geld ist nicht das Wichtigste – auch, wenn es ganz ohne Geld nicht geht.

Horst Müller wollte Zeit zum Nachdenken. Ex und Hopp ist seine Sache nicht. Wie es sich für einen Zeichner gehört, hat er seine Antworten mit Stift und Papier zurückgesendet. Der 1955 geborene Essener lebt heute in Nürnberg. Er hat viele der ganz Großen persönlich kennengelernt: Harry Sweets Edison, Art Farmer, Dave Brubeck, Oskar Peterson u.a.m. Müllers Credo: Diener und Kämpfer für eine „Freie-Faire-Intelligente-Humanistische- Zivilisierte-Zukunftsorientierte-Kultur-Gesellschaft“. „Live Zeichner Horst Müller“ ist zu erreichen unter +49 (0) 176/ 68 41 3309

Herzlicher Dank an Jazzfotograf Peter Brunner (www.jazzfotos-brunner.at)
Die Fragen stellte Evira Steppacher.

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