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Je weniger, desto mehr – Jazzfotografie von Stefan Erhardt in der Unterfahrt

Stefan Erhardt ist Vater, Lyriker, Lehrer, Ausbilder, Redakteur und Mitherausgeber des Fußballmagazins „Der tödliche Pass“, um nur einiges zu nennen. Außerdem spielt und fotografiert er Jazz. „Je mehr man weglässt, desto größer die Chance, etwas vom Wesentlichen zu fassen. Spricht da der Lyriker, der Gitarrist? Egal, ich treffe erstmal den Fotografen. „free“ heißt seine Ausstellung, die noch bis zum 21. November 2014 in der Galerie im Jazzclub Unterfahrt in München zu  sehen ist.

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Free – das spielt mit dem Sujet des free Jazz, aber auch der freien Fotografie. Nicht das Abbild des Musikers gilt es zu bannen, auch nicht – schon freier – das Abbild der Musik. Stefan Erhardts künstlerisches Konzept wagt mehr: Seine Fotos wollen gar kein Abbild mehr sein. Erhardt befreit seine Fotos von der Sisyphos-Aufgabe, etwas „Reales“ zeigen zu müssen. Die Last der Wiedererkennbarkeit will er ihnen abnehmen. Seit der Erfindung der Digitalfotografie, die der Welt eine Bilderschwemme ohnegleichen bescherte, ist das Abbild- und Verweishafte des Fotos obsolet geworden. Wozu noch eine weitere Golden Gate Bridge, wenn uns das Bild genau das zeigt, was wir eh schon zig-fach sahen? Die Zahl der Fotos, die täglich auf Facebook hochgeladen wird, ist unbetrachtbar, die ständig wachsende Mega-/Giga-/Tetrabyte/Maßeinheit des Datenvolumens verrät es.

Ich will dem einzelnen Foto seine Würde zurückgeben. Das Foto muss radikal verfremdet werden, um frei zu sein.

_Copyright_Stefan_Erhardt_Plotmakers.com (Aller Rechte vorbehalten)Die Abkehr vom Wiedererkennbaren ist konsequent. Reale Namen der Musiker sucht man vergeblich, Konzertorte oder Instrumente deuten sich allenfalls genrehaft an: „band blue“, „zoomband“, „bass orange“, „long brown sax“ oder „moers bassist“.  Zwar lässt sich nicht leugnen, dass manche Motive stärker erkennbar bleiben als andere, doch geht es nicht darum, ein bestimmtes Konzert, diesen oder jenen Künstler als Ausgangspunkt zu präsentieren.

Die Jazztage iCopyright_Stefan_Erhardt_Plotmakers.com (Aller Rechte vorbehalten)n Moers – wer das Konzertzelt noch erlebt hat, mag es wiederahnen – oder ist es ein Trugbild? Zeigt das Foto nicht eher eine Landschaft, das Weichbild einer Stadt, zischende Elektrizität oder mystisches Licht? Serien, an denen man erkennen würde, was „eigentlich“ mal am Anfang stand, lehnt Erhardt ab. Zu banal, besonders da Konzeptkunst oft dem „Achtung Kunst!-Verdacht“ ausgesetzt sei. Dennoch, besonders die „minis“, 10×10 oder 10x15cm cm kleinen auf 1cm dickes Holz oder Forex aufgezogen Formate, erlauben durch ihre Hängung rhythmische Assoziationen.

Schon früh unternimmt Erhardt erste Versuche, das Aufgenommene zu verfremden. Er erinnert sich an Tabletten, die er zwischen geriffelte Plastikoberflächen quetschte, um sie zu fotografieren. Über Motive wie diese lacht er heute. Dennoch war er damals ernsthaft bemüht.

Als 16 Jähriger habe ich Motive weg vom Mainstream gesucht. Eine Tante von mir lebte in den USA. Bei Überlandfahrten haben mich damals weniger die typischen Liegenschaften, wie verfallene Gebäude oder Autos interessiert. Eher das, was man nicht sofort sieht, Details wie der Rost an einer Zapfsäule zum Beispiel. Was ein Bild verfremdet und verschiedene Schichten erkennen lässt.

Bis heute beschäftigt Erhardt, was im Auge, genauer dem Gehirn des Betrachters beim Betrachten vorgeht. An Künstlern wie Mark Rothko oder Josef Albers „Hommage to a square“ wurde ihm deutlich, wie konstruiert das ist, was wir ‚sehen‘.

Die Verfremdbassist_copyright_Stefan_Erhardt (alle Rechte vorbehalten)ung in Erhardts Fotografie erfolgt durch die digitale Nachbearbeitung. Zwei bis drei Stunden kann es dauern, bis er aus dem Rohmaterial „sein“ Bild am PC gewonnen hat. Die Zutaten sind nicht weiter aufregend. An Befehlen stehe zur Verfügung, was das Bearbeitungsprogramm hergäbe: Kontrast, Sättigung, Ebenen – „das sind einfach Regler, an denen ich schiebe“, sagt er bescheiden. Was herauskommt, straft sein Understatement freilich Lügen. Manche Bilder sehen aus wie Wärmebildkameras, aber sie spielen eben nur mit dieser Referenz. Sie zitieren das relativ junge bildgebende Verfahren, das zur Bestimmung der Energie-Effizienz dient – doch allein zugunsten der Frage, wie es um die künstlerische Energie im musikalischen Prozess beschaffen ist. Hier sind Ursache und Wirkung gar nicht mehr so eindeutig – geschweige, dass Energie einfach verpufft. Diese „Kulminationspunkte“, in denen Energie etwas verändert, steuern Erhardts Tun.

Mich hat interessiert, wie der Bassist mit seinem Instrument verschmilzt. Das Instrument hat ihn so in sich reingenommen, dass das von ihm rausgekommen ist. Ich weiß nicht, ob ein anderer das ähnlich sieht, nicht mal, ob ich das in dem Moment gedacht habe. Aus dem Foto, das schließlich entstand, sieht es aus, als ob der Bass weiterspielt.

Wozu braucht es überhaupt noch das Motiv, wenn weder der Titel noch das Objekt erkennbar sind? Warum hält Erhardt die Spannung zu dem Ausgangspunkt seines künstlerischen Tuns aufrecht? Erhardt wird nachdenklich. Womöglich schützt es davor, banal zu sein.

Stefansax lang_Copyright_Stefan Erhardt-Plotmakers.com (Alle Rechte vorbehalten) Erhard ist fasziniert von der jazz-typischen Improvisation. Diese unerschöpfliche Quelle an Möglichkeiten hat ihn selbst  inspiriert. Seine Leidenschaft zeigt sich nicht zuletzt in seinem Bestreben, dieser Inspiration durch Fotografie Ausdruck zu verleihen. Doch die totale Freiheit kennt auch in der Improvisation die Gefahr der Beliebigkeit oder Bezugslosigkeit. Am PC zeigt sich, weit der Fotokünstler die Verfremdung treiben kann, bevor sie beliebig wird. Hinzu fügt er seinen Motiven nie etwas, wegnehmen, oder durch Farbe etwas stärker akzentuieren, ist erlaubt. Zufrieden ist Erhardt, wenn sich etwas vom Wesen zeigt – bei den Instrumenten, die für ihn etwas Geheimnisvolles zu bewahren scheinen. Vorstufen, Zwischenstufen, Rohmaterial, das alles hat seine Berechtigung und Notwendigkeit im Prozess. Sobald das Ziel erreicht ist, werden sämtliche Reste gelöscht. Rigoros.

Einen ersten Überblick über Stefan Erhardts Arbeiten erhält man auf www.plotmakers.com. Die Preise seiner in der Unterfahrt gezeigten Fotos liegen zwischen 25 Euro und 165 Euro. Erhardt fotografiert sowohl mit der digitalen Spiegelreflexkamera also auch mit dem Fairphone oder der Lomo.

Galerie im Jazzclub Unterfahrt
tägl. geöffnet ab 19.30 Uhr (private Besichtigung nach Absprache)

Jazzclub Unterfahrt im Einstein Kultur
Einsteinstraße 42
816775 München
www.unterfahrt.de

 

 

 

 

 

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Musik live zeichnen: Elementarer Reichtum, statt Ex & Hopp

Ray Brown (b), George Fludas (dr), Larry Fuller (p) by Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Ray Brown (b), George Fludas (dr), Larry Fuller (p) by Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Live Zeichner Horst Müller hat auf fremder Leute Hochzeiten gemalt, die Feiern großer Unternehmen illustriert und Benefizgalas in Aquarell getaucht. Doch all das blieben  Zweck-Bündnisse. Als Herzensbund dagegen empfindet er seine Liebe zum Jazz.  In seiner eigenen Hoch – Zeit pendelte der Autodidakt zwischen den Hotspots  der Szene: Burghausen, Erlangen, München Neuburg an der Donau, Regensburg, Salzburg… Jazzer der 90er Jahre kennen ihn aus Clubs wie dem Birdland, der Unterfahrt oder von Jazzfestivals wie dem Salzburger Jazz-Herbst. Von seiner Kunst leben konnte „Live Zeichner Horst Müller“ aus Essen schlecht. Er ist überzeugt, dass Europa eine Partei für Kunst- und Kulturschaffende fehlt. 

Wann hast du Zeichnen angefangen? Mit 29, das war Ende 1984, nach sieben Jahren auf der Straße. Ich war fix und fertig und zum Sozialhilfe-Empfänger aufgestiegen.

Jazz Fotograf Peter Brunner hat Horst Müller öfter beim Zeichnen fotografiert. Hier in Slzburg beim Jazz-Herbst Mehr als 3000 Musikerfotos unter jazzfotos-brunner.at r (Alle Rechte vorberhalten)

Jazz Fotograf Peter Brunner hat Livezeichner Horst Müller beim Salzburger Jazzherbst fotografiert. Mehr als 3000 Musikerfotos unter www.jazzfotos-brunner.at (c) Peter Bunner, alle Rechte vorberhalten

Wieso wolltest du gerade Musiker zeichnen  – Musik ist doch unsichtbar? Musik war mir immer sehr nahe, sie ist sensibelste Kommunikation. In meinem Wahn, dem ich nicht widerstehen konnte, kaufte ich mir damals von meinem Heizkostengeld, das ich bar ausgezahlt bekam, für 300 DM Tablas [Anmerkung Jam-Radar: Die Tabla ist ein Schlaginstrument der nord- indischen Musik]. Mit meinem monotonen Getue hab ich Tag und Nacht die Nachbarn genervt, aber es wurde ein verdammt kalter Winter. Ich dachte wohl, aus mir könne auch noch Musiker werden. Na ja, jedenfalls war es meine erste Berührung mit Weltmusik und damit Jazz. Vor allem durch persönliche Begegnungen – zum Beispiel den Bassisten Rainer Glass, den Pianisten Thomas Tink und den Drummer Charly Antolini –  habe ich  mich intensiver mit Jazz beschäftigt. Aber im Mittelpunkt standen für mich immer die Musiker als Menschen.

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Papier, Stift, Klembrett: los geht’s! (c) Peter Brunner, Alle Rechte vorbehalten

Worauf kommt es an? Man muss die Musiker genau beobachten, die Stellen, an denen sie schwitzen, ihre individuelle Bewegung, die mit dem Instrument zu tun hat. Oder das Zusammenspiel mit den anderen, die Beziehungen, die sie musikalisch eingehen. Man darf natürlich nicht nur fasziniert auf die Bühne starren, sondern muss selbst aktiv werden und mitgehen. Eigentlich hat man unendliche Möglichkeiten. Die entscheidende Frage lautet, womit kann ich selbst zufrieden sein?

Freddy Hubbard (tp), Xavier Davis (p), Steve Davis (tb), Jimmy Green (ts),Augsburg 2002. Herzlicher Dank an Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Freddy Hubbard (tp), Xavier Davis (p), Steve Davis (tb), Jimmy Green (ts),Augsburg 2002. by Livezeichner Horst Müller (c) Alle Rechte vorbehalten

Wo liegt der Reiz der Zeichnung gegenüber dem Foto? Ich beneide  Fotografen zwar, weil sie  im Display ihre Bilder auch nachträglich noch so ranzoomen können, dass man die Schweißtropfen sieht. Aber ich tue nun mal etwas anderes. Ich kann dafür auch gleich nach dem Konzert zum Musiker gehen und mir ein Autogramm unter das Bild geben lassen. Außerdem habe ich schon mit Jazz-Legenden Gespräche geführt und durfte ihnen ganz nahe sein.

Hättest du nie Lust gehabt, Musik zu fotografieren? Doch, ich hab sogar inzwischen auch eine Digitalkamera (für 50 Euro). Manchmal mache ich begleitend ein Foto. Mir fällt auf, dass ich einen sehr guten Blick für die Motive habe. Ich mache interessante Fotos, aber Zeichnungen haben eine ganz andere Faszination. Das ist etwas Elementares.

In Farbe: Ray Brown Trio , Audi Forum Ingoldstadt 2001 by Horst Müller (Alle Rechte vorberhalten)

In Farbe: Ray Brown Trio , Audi Forum Ingoldstadt 2001 by Horst Müller (Alle Rechte vorberhalten)

Farbe? Oder Schwarz-Weiß? Vollkommen egal, wenn einem eine Sache langweilig wird, kann man jederzeit anderes ausprobieren – wie die Musiker und Musikerinnen!

Fotografen haben mit dem meist schlechten Licht in Jazzclubs ein Problem… Ach, das ist eben so wie es ist, man muss aus der Situation heraus zaubern. Manchmal hab ich aber auch ein Klemmlämpchen dabei.

Du zeichnest auch bei Jazz-Workshops und auf Jam Sessions – gibt es Unterschiede zu einem normalen Konzert? Vom Zeichnen her sind Sessions eher undankbar. Der rasche Wechsel macht es noch schwerer, sich einem Musiker zu nähern. Ansonsten ist es reizvoll, dass bei den Workshops von 12 bis 70 alles auf der Bühne zusammen kommt. Man spürt erst Schüchternheit, aber dann kommt’s: die können was.

Max Treutner (sax) in Erlangen by Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Jugend musiziert: Der damals 12jährige Max Treutner (sax)  in Erlangen by Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Junge oder Alte Musiker –ein Unterschied? Zeichnerisch – nein. Es gibt so viele junge und schon sehr erfahrene, um nicht zu sagen, ausgebuffte Musiker und Musikerinnen. Und auch alte bringen sich noch überraschend und mit viel Feingefühl kreativ ein. Ein äußerst betagter Pianist aus Manhattan, den ich mal fragte, warum er sich die Strapazen der Tournee noch antue, hat gesagt: „Lieber auf der Bühne während eines Konzerts sterben als zuhause im Pyjama vor dem TV.“

Dein Motto lautet: get rich with art? Wie ist das gemeint – kann man mit Illustrationen überhaupt reich werden? Ich meine elementaren Reichtum, den Reichtum der Seele. Ich wüsste zwar mit Geld Tolles und Gutes anzufangen, aber Geld ist nicht das Wichtigste – auch, wenn es ganz ohne Geld nicht geht.

Horst Müller wollte Zeit zum Nachdenken. Ex und Hopp ist seine Sache nicht. Wie es sich für einen Zeichner gehört, hat er seine Antworten mit Stift und Papier zurückgesendet. Der 1955 geborene Essener lebt heute in Nürnberg. Er hat viele der ganz Großen persönlich kennengelernt: Harry Sweets Edison, Art Farmer, Dave Brubeck, Oskar Peterson u.a.m. Müllers Credo: Diener und Kämpfer für eine „Freie-Faire-Intelligente-Humanistische- Zivilisierte-Zukunftsorientierte-Kultur-Gesellschaft“. „Live Zeichner Horst Müller“ ist zu erreichen unter +49 (0) 176/ 68 41 3309

Herzlicher Dank an Jazzfotograf Peter Brunner (www.jazzfotos-brunner.at)
Die Fragen stellte Evira Steppacher.

Musik zum Anschauen – Jazz und Fotografie

Freddie Hubbard 20002 im Birdland, Neuburg by Dietmar Liehr

Freddie Hubbard 2002 bei einem Konzert im Jazzclub „Birdland“ in Neuburg an der Donau.  Vielen Dank an den Fotografen Dietmar Liehr (alle Rechte vorbehalten c/o dietmar.liehr@liehrdesign.de)

Jazz ist eine Kunst des Augenblicks. Genau wie die Fotografie. Wer im richtigen Moment klickt, erzeugt ein Paradox.  Zeit, Raum und Motiv sind fixiert, aber ihre jeweilige Energie pulsiert fort. Daher weist ein gelungenes Foto über das, was auf ihm zu sehen ist, weit hinaus. Es eröffnet eine weitere Dimension jenseits der physikalischen Zwei- oder optischen Dreidimensionalität.  Von Fotos kann eine magische Kraft ausgehen, die berührt oder erschreckt. Man versteht plötzlich, was es mit der Bilder-Scheu einiger Völker auf sich hat. Ein gutes Foto bannt etwas vom Wesen oder von der Seele des Fotomotivs, hält es fest, obwohl dieses, wie alles Lebendige, im Fluss ist und weiterwill in der Zeit.  Fotografische Sequenzen, fast schon an der Nähe zum Film, passen daher sehr gut zur Musik-Fotografie, obwohl sie leider immer seltener abgedruckt werden. (1)

„Et il faut voir le jazz autant que l‘ écouter. Absolutment.“
Stimmt, Guiseppe Pino! (G. Pino zählt zu meinen Lieblings-Fotografen). Außerdem vermitteln gute Jazz-Fotos etwas vom seltenen Glück der Synästhesie. Wer das Spiel ‚seiner‘ Musiker kennt und ihre Sprache versteht,  s i e h t  Musik. Durch den optischen Eindruck vermittelt sich etwas vom Geist der Musik, von dem, was sie uns sagen kann, auch wenn sie gar nichts bezeichnen will. Igor Stravinsky: „I said somewhere that it wasn’t enough to listen to music, you also have to see it“. (2) Was Jazz-Musiker deutlich von Pop-Musikern unterscheidet, ist der viel stärkere physische Einsatz und Körper-Ausdruck  in ihrer Kunst.  Egal, ob als Sänger oder Instrumentalist, wer seine individuelle musikalische Sprache finden will, braucht Mut, sich der eigenen Persönlichkeit zu stellen. Wer bereit ist, in einen ungewissen musikalischen Reifungs- oder Vertiefungsprozess einzutreten, kann diesem künstlerischen Selbst ein authentisches Gesicht und einen eigenen Klang geben. Lust, Zweifel, Ausdauer, Krisen, Anerkennung, Rückschläge, Versagens-Ängste, Erfolge … Über viele Jahre praktiziert, hinterlässt all dies Spuren:  in der Mimik, der Haltung, der Körpersprache, der technischen Charakteristik und schließlich der künstlerischen Aussage. Natürlich gibt es auch im Jazz Vorbilder, die jemand imitiert, doch die Gefahr der Pose oder des konfektionierten ‚Selbst‘-Ausdrucks ist deutlich geringer. Die der Selbstvergessenheit höher. Das macht Jazz-MusikerInnen zu  interessanten Fotomotiven.

„The music is you.“  (Sun Ra)
William Claxton, damals noch Student der Fotografie, erinnert sich an die legendäre Jam-Session im Tiffany-Club , in der Charly „Bird“ Parker einen Trompeter für sein Quartett suchte: „[Wir] fragten bei Bird an, ob ich ihn während des Sets, den sie gerade spielten, photografieren dürfte, und er gab uns mit einem Kopfnicken sein Okay. Mit verschiedenen Musikern jammte er bis drei Uhr in der Früh“. Gefragt, warum er ausgerechnet Chet Baker ausgewählt habe, antwortete er kurz und knapp, Chet blase „‘n bißchen leise und sanft, aber doch ehrlich und direkt“.

Zauberei oder er hat das Foto-Gen!
Bald darauf wurde Claxton mit den Fotos des jungen Chet Baker berühmt, fotografierte regelmäßig beim legendären Lable „Pacific Records“ und wirkte stilbildend für die Cool-Jazz-Fotografie. Wie Ikonen haben sich Claxtons Schwarz-Weiß-Bilder in das visuelle Gedächtnis nicht nur der Nachkriegsgeneration eingeprägt. Natürlich stehen sie in der Tradition der berühmten Vorgänger der Jazz-Fotografie: Ray Avery, Rolf Ambor, William Gottlieb, Francis Wolff, Rainer Rygalik… Es reicht eine kurze Beschreibung schon sieht man ihre  Bilder – z.B. John Coltrane rauchend, sein Tenorsax auf den Knien oder Lester Young und Lady (Holi-)Day flirtend im Studio usw. usw.  – Auch wenn die Schwarz-Weiß-Fotografie vermutlich überwiegt, spätere Fotografen wagten sich zum Glück auch an Farbe und produzierten wahre Farbräusche, um die Expressivität der gehörten Musik einzufangen. Bei einigen Musikern fällt es leichter, ein gutes Foto zu machen, als bei anderen. Eine Beschreibung Claxtons über den jungen Chet mag das illustrieren: „Nach dem ersten Abend im The Haig beeilte ich mich, nach Hause in die Dunkelkammer zu kommen. (…) Alle vier Musiker [des Gerry Mulligan Quartetts] sahen gut aus. Chico Hamilton war gradezu ein Bild von einem Mann. Aber das Gesicht, das wirklich hervorstach, gehörte dem jungen Trompeter Chet Baker. Als die Bilder im Entwicklungsbad (…) langsam Gestalt annahmen, ging von Chets Gesicht ein Zauber aus – der Traum eines jeden Fotografen – ein photogenes Gesicht!“(3)

Das Gespür für Musik beeinflusst die Fotografie
Einige Jazz-Fotografen sind auch Musiker. Man könnte meinen, dass sie automatisch das bessere Gespür haben, wann der richtige Moment für ein Bild gekommen ist. Womöglich achten sie aufgrund ihrer eigenen Spiel-Erfahrung auch stärker auf besonders bildstarke instrumentale Momente. Und doch gibt es keine zwingende Logik zwischen der eigenen Spielpraxis und der Güte der Fotografie. Es sei denn, man betrachtet die Kamera selbst als  Instrument. William Claxton, selbst kein Musiker, erkannte die innere Verwandtschaft beider Künste: „Jazz ist musikalische Improvisation; er ist die Kunst des Augenblicks.“ Wichtiger als Spielpraxis  erscheinen indes die Fähigkeit zur Intuition oder Sympathie eines Fotografen, um sensibel für die Dynamik einer Situation zu sein. So lobt der Trompeter Tim Hagans an Jimmy Katz, dem Haus-Fotografen des Blue Note Lables:  „Most photographers I’ve worked with, they come in (…) and they try tob e creative and they do a good job, but Jimmy has a special talent for waiting and finding that exact moment that describes the music that’s beeing mad on that, session“. (4)

Hier gibt’s weiteren Schmökerstoff und natürlich – Bilder, Bilder, Bilder! Ganz unter ein Link zum Jazz-Institut Darmstadt mit einem Verzeichnis zahlreicher Jazz-Fotografen.

[Anmerkung 24.9.012: Bitte auch die Kommentarspalte rechts ansehen, dort weitere sehr sehr schöne Links von Lesern!]

Berendt, Joachim Ernst: Photo-Story des Jazz, Frankfurt 1978

http://www.jazzphotos.com/
http://memory.loc.gov/ammem/wghtml/wghome.html
http://www.ctsimages.com/ctsimageshome.htm
http://www.cooljazzphotos.com/ARTISTS-GALLERY
http://jazztimes.com/community/profiles/113-jimmy-katz
http://www.creutziger.de/works/jazz#5
http://www.slojazz.net/
http://www.jazz-photo.com/

http://www.michaelhuber.at/assets/Archive/05JazzfotografieCoverstory.pdf

http://www.jazzzeitung.de/jazz/2002/04/jh-foto.shtml
http://www.benediktpictures.com
http://www.jazzfotosneu.at.m2301.wwwsrv.eu/index.php
http://www.jazzinstitut.de/Wegweiser/Journalist.htm#Foto

(1)      Eine unverhoffte, großartige Ausnahme bot das SZ-Magazin anlässlich einer Rammstein Tournee (6. July 2012). Vermutlich kein Zufall, dass Rammstein ein ähnlich kompromisslose Haltung zur ihrer Musik wie Jazz-Musiker haben.

(2)      Guiseppe Pino: Jazz my Love, Vade Retro Verlag, 2003 (o.p.)

(3)  William Claxton, Yong Chet, München, Paris, London 1993

(4) Joe Lovano: The cat with the hat, 2001 Verlag, 2012, S. 81