Schlagwort-Archive: Jam-Session

Jam-Session für Vokalisten: Circle and Improvisational Singing mit Erin Perry

Bitte, ich kann auch ohne dich! Jawohl! Spontan meldete ich mich zu einem „Mini Workshop Circle and Improvsational Singing“ an. Eine Session ohne Instrument noch dazu an einem Freitag abend in der Glücksschmiede, das klang vielversprechend. Das Ende vom Lied? „Thank GOD, it’s Friday!“ Ein Besuch bei der Pop-, Rock-, Soul-, Blues- und Gospel-Röhre Erin Perry.

http://www.erinperry.com/

All rights reserved http://www.erinperry.com/

Eine Trompete kann, Blechbläser wissen, wovon ich rede, ein ganz schönes Biest sein. Drei harmlose Ventilchen, ein glänzender Trichter und ein Mundstück, das kein Wässerchen trüben kann… Von wegen! Ein Blechschädel mit störrischem Eigensinn, weit davon entfernt, das zu spielen, was einem an inneren Klanglinien so vorschwebt. Ganz zu schweigen vom hohen Register. Der Sing-Workshop in Schwabing bei Erin Perry kam mir also grade recht. Keine technischen Hindernisse mehr, kein störendes Metall zwischen mir und der Welt – Erholung pur, dachte ich. Noch dazu in einer Location mit dem verheißungsvollen Namen „Glücksschmiede“.

Der Leser sollte wissen: ich singe ganz gerne, allerdings nur für mich. Gelegentlich auf dem Fahrrad, gelegentlich im Auto, jedenfalls eher selten, seit ich im Besitz einer MVV-Monatskarte bin. Egal, im Ankündigungstext hieß es ausdrücklich: „All levels of singers are welcome!“

Jeder ist seines Glückes  Schmied

Gluecksschmiede_Amalienstraße 65 copyright Gluecksschmiede All rights reserved

Als ich zum Check-in eintreffe, liefert eine Mutter grade ihre Tochter und deren Freundin ab. In der kleinen Küche versammeln sich nach und nach 10 Männer und Frauen in bunter Mischung. Mit den beiden Mädchen sind wir 12. Alles Lehrlinge, die ihr Eisen schmieden wollen, solange es heiß ist.

Erin Perry is really hot

Unsere energiegeladene Meisterin ist Erin Perry. She is really hot! Die Profisängerin, die mir Musikern wie Paul Young, Johnny Logan, Alannah Myles, Tony Hadley (Spandau Ballet), Haddaway, Nick Kershaw und vielen anderen auf der Bühne stand, lehnt an der Spüle der Schmiede und fachsimpelt in deutschamerikanischem Kauderwelsch über die Wirkung von Zitrusfrüchten und anderen Snacks auf die Stimme. Dann greift sie munter in das Chipsschälchen, lacht ihr volles, kraftvolles, souliges Lachen und ich ahne, dass der Ankündigungstext – „It’s all about expressing yourself“ – kein bloßes Werbeblabla war. Die Stimme der Singer/Songwriterin klingt einnehmend gut aufgewärmt.

„Hi, Darling!“ Manche Teilnehmer kennen sich schon, die eine singt in Münchens größtem Gospel-Chor,dem Munich Mass Choir, eine andere ist ausgebildete Opernsängerin und gerade dabei zum Jazz zu wechseln, die Kinder – so meine Vermutung – sind schnurstracks unterwegs zu The Voice Kids. Auch die Männer singen regelmäßig, keiner hat Probleme, seine Stimmlage zu nennen.

All levels?! Mir wird klar, worauf ich mich eingelassen habe und merke, dass ich mein Blechbiest vermisse. Ein Instrument kann ja auch mal einen schlechten Tag haben… Deswegen überwirft man sich doch nicht gleich! Meine innerlich formulierte Abbitte wird vom „Come on, Guys!“-Schlachtruf der Seminarleiterin unterbrochen.

Keep your eyes open when you are singing

Wir starten mit einer Aufwärmübung. Mit geschlossenen Augen dürfen wir singen und zappeln wie wir wollen. Das Ziel: Lockerwerden. Danach lautet Regel Nr. 1: Keep your eyes open, schließlich geht es nicht um Trance, sondern um Zwiegespräche – pardon: Zwiegesänge. Regel Nr. 2: No bad talking, also kein „Das war falsch“, kein „Ich kann das nicht“, höchstens ein „Ich brauche Hilfe“.

Erin hat eine schöne Weise, den Anfängern zu erklären, welchen Part man als Circle Sänger einnehmen kann. Die Soundmachine, die das ganze am Laufen hält, der generöse Unterstützer, der einen anderen Sänger mit Harmonien bereichert usw. Wir werden nach Stimmlagen geordnet, singen kleine Riffs und Melodien im Kreis. Nach und nach erhalten auch die anderen Stimmen von Erin dazu passende Melodie- und Rhythmuspattern. So ergibt sich ein kraftvoller Klangteppich, der festen Halt gibt und doch Freiheit lässt. Abwechselnd soll jeder von uns in die Mitte und solieren. Erin macht es vor und wir anderen staunen Bauklötze. Phew! Wow!

Deutlich zeigt sich, wer schon Erfahrung im Singen hat und wer nicht. Am liebsten würde ich meine Augen schließen, aber ich überwinde mich und schaue jeden im Circle an. Dann versuche ich nur mit Klängen etwas von mir zu sagen. Bei einigen fällt es leichter als bei anderen.

Leave your comfort zone

Unsere nächste Übung, kündigt Erin freudig an, wird uns aus der Komfortzone holen. Wie bitte? Die hab ich schon seit der Aufwärmübung verlassen! Doch es geht noch mehr. Wir sitzen im Kreis und sollen den anderen etwas über uns selbst mitteilen – singend natürlich, aber diesmal mit Worten. Ach du jemineh… Die Steigerung lautet: wir treffen uns zufällig auf einer Party und sollen locker plaudern. Smalltalking fällt mir eigentlich leicht aber smallsinging?! Die Wörter bremsen mich. Ich singe, wie ich spreche. Wie war das vorhin in der Küche? Erin hatte doch irgendwas von den unterschiedlichen Sprechamplituden der Berufsgruppen gesagt. Kreative haben gegenüber anderen Berufsgruppen die größten Ausschläge. Ich komme mir vor wie ein Banker.

Nach und nach spüren wir, worum es geht. Die Gruppe wird lockerer, wir lachen mehr, verstehen uns besser, hören stärker aufeinander, trauen uns mehr und unterstützen uns besser. Im Ergebnis erhalten unsere gemeinsamen Lieder mehr Ausdruck, Tiefe und Variantenreichtum. Es ist wie bei jeder guten Session: alle arbeiten daran, dass sie gemeinsam gut klingen. Irgendwie organisch eben.

Wir wissen ohne Anweisung, wann die Zeit gekommen ist, einzusetzen und wann, um aufzuhören. Eine schöne Melodie erfüllt den Raum und verebbt. Eine schöne Energie bleibt. Am Ende hugs and kisses für alle. Wir sind beseelt. Ich werde Erin demnächst schreiben und ihr einen andere Betreffzeile für ihre E-Mail vorschlagen: Statt „Mini Workshop May 15 – Singing for fun – For everyone!“

Schlicht und einfach: „Big voice gives Mini workshop“ .

Thank you Erin!

Advertisements

Sprechen oder Spielen? Das ist hier die Frage!

Foto(1)

Die Jam-Session lebt vom Experiment. Neue, ungewohnte, ja womöglich riskante musikalische Improvisationen sind keine Seltenheit. Gründe gibt’s viele: Manchmal sind die Stücke, die vorgeschlagen werden, nicht ganz geläufig, manchmal werden sie in einer unüblichen Tonart gespielt oder es passiert irrtümlich ein Versehen, das dann musikalisch interessant wird.

Klar, dass das kommentiert wird, nicht nur vom Publikum, sondern auch von den Musikern auf der Bühne. Kleine Gesten lassen erkennen, dass es den Mitspielern nicht entgangen ist. Teilweise wird auch ganz ungeniert laut das Gespräch gesucht, meist mit dem Nächststehenden. Bei keinem Konzert erlebt man so viel Austausch, wie  während einer Session. Die Stücke, die Tonart, das Tempo, die Reihenfolge der Solos, ob und wie viele Takte die Rhythmusgruppe voraus spielt – all das muss geklärt werden. Je unprofessioneller die Teilnehmer, desto länger kann’s dauern, einfach, weil die gemeinsame Schnittmenge nicht groß genug ist. Sicher, auch bei professionellen Spielern braucht es Absprachen. Meistens aber sind sie schneller getroffen.

Prinzipiell ist das Gespräch also nicht wesensfremd, es unterstreicht vielmehr den experimentellen Charakter jeder Jam-Session. Es darf also gesprochen werden, warum auch nicht. Nervig allerdings ist es, wenn Dauerquatscher auf der Bühne stehen. Sie machen nicht nur ihr eigenes Solo zum ausführlichen und leider auch lauten Gesprächsthema, sondern oft auch das der anderen und kommen von Hölzchen auf Stöckchen.

Mich persönlich nerven diese Spieler und ich versuche, möglichst nicht in ihrer Nähe zu stehen. Aber ihnen zu entkommen, ist mitunter unmöglich. Ich empfinde ihr Verhalten als unmusikalisch und unkollegial. Sie lenken mich vom Zuhören ab, sie stören die Konzentration der anderen Solisten und sie verhindern, dass alle auf der Bühne das tun, was sie sollen: die ad-hoc-Band und ihre Spieler so zu stützen, das jedes Mitglied das Beste aus dem Moment geben kann.

Möglichkeiten dazu gibt es viele: Es kann ein Riff sein, das ein Musiker spontan entwickelt und in das andere einsteigen, um noch stärker mit einem Solisten zu interagieren, es kann eine melodische Umspielung des Themas sein  oder schlicht und einfach die Energie der Konzentration. Nach dem Energieerhaltungsgesetz, das Etwas nicht zu Nichts werden kann.

Der Sessionvater – Ein Lob auf das Ehrenamt im Jazz

Er heißt Franz, Peter, Dietmar oder Bernd. Er ist zuverlässig, ausdauernd, selbstorganisiert. Auf jeder Session ist er der Erste, der kommt und der Letzte, der geht. Nicht weil er so viel spielt, sondern weil er so viel aufbaut und wegräumt. Hat er überhaupt heute Abend gespielt?

Wie wichtig  er ist, merkt man dann, wenn er ausnahmsweise mal fehlt. Wo sind nochmal die Notenständer? Hat mal einer ein Cinch-Kabel? Was?! Schon halb neun und alle sind noch mit dem Aufbauen beschäftigt?

Der Session-Vater – er selbst würde sich nie so nennen – verdient das Rampenlicht. (Session-Mütter natürlich auch.) Dabei scheut er nichts mehr als dieses. Man darf ihn getrost die gute Seele jeder freien Kultureinrichtung nennen. Ohne Sessionväter keine Session-Kultur. Musiker sind auch nur Menschen: Sie wollen nach dem Auftritt quatschen, trinken, abhängen. Oder schnell nach Hause, besonders, wenn sie einem Brotberuf nachgehen. Der Session-Vater tickt anders. Auch, als er noch kein Rentner war. Er weiß, dass seine Jazzer nicht den besten Ruf haben, dass Ordnung ein durchaus interpretierbarer Begriff ist. Daher hält er, stellvertretend für sie, den ganzen Laden in Schuss. Für Jahre, oft Jahrzehnte übt er ein Ehrenamt aus, ohne, dass ihm besonders viel Ehre dafür zu Teil würde. Amt dagegen schon.

Die UNESCO hat den 30. April zum Internationalen Tag des Jazz erkoren. Er soll „Künstler, Jazz-Enthusiasten, Historiker und Wissenschaftler sowie Musikeinrichtungen und Schulen zum Dialog anregen und die universelle Bedeutung des Jazz bewusst machen“. (http://www.unesco.de/welttag_jazz.html) Wo bleibt der Welttag zu Ehren der Session-Väter?! Wahrscheinlich würde eine offizielle Anfrage auf den 1. Dezember verweisen – den International Volunteer Day oder den Internationalen Tag des Ehrenamtes. Übrigens: Danksagungen, Orden und Geschenke nehmen Session-Väter und -Mütter meines Wissens jederzeit entgegen.