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„Too fat for a white tuxedo!“ Ein Treffen mit Jazztrompeter Bobby Shew.


Alle wirklich wichtigen Fragen sind kurz: „Willst Du mich heiraten?“, „Hat der Wagen noch TÜV?“ oder “ Wie war ich?“  In meinem Fall reichten zwei Worte, um erhöhtes Interesse auszulösen. „Schon gesehen?“

Es ist Montag, der 14. September, 21.30 Uhr. Das Handy kündigt eine SMS an: „Schon gesehen?“ schrieb ein befreundeter Posaunist. Noch bevor ich Zeit fand zu überlegen, was er meinen könnte, das nächste „Pling“, diesmal ein Bild. Ein konzentriertes Gesicht, die Augen hinter der Brille geschlossen, der Kapitän Hansen-Bart von einem Stück Metall leicht auseinander gedrückt: „Bobby Shew in Europe 2015“ steht unter dem Poster und „Trompeten Masterclass“  für 10 Euro. Das ist mal `ne Ansage.

Plakatwerbung von Just Music für die Bobby Shew Masterclass

Plakatwerbung für die Bobby Shew Masterclass in München.

Sofort buche ich einen Platz. Bobby Shew zählt zu den großen Trompetern des Jazz. Außerdem hat er zu einem der bekanntesten Anfängerbücher – Maiden Voyage – ein Play-Along eingespielt. Es enthält Soli zu berühmten Stücken wie Autumn Leaves oder Summertime. Jeder Track existiert doppelt, einmal mit, einmal ohne Bobby Shews Trompete. Dort, wo nur die Rhythmus-Gruppe zu hören ist, soll man selbst nachspielen. An der „Jungfern Fahrt“ übe ich schon ewig. Bobby weiß das natürlich nicht. Er weiß auch nicht, dass ich manchmal überhaupt nur deshalb weitermache, weil er so schön klingt. Bobby spielt alle Linien mühelos, ich nicht.

Und nun also: der Meister live, ein Autodidakt, der als Studiomusiker so ziemlich alles – außer Klassik – gespielt hat. Er hört klassische Musik sehr gerne – aber er mag sie nicht spielen, wie er später kokett bekennt. In der Klassik seien alle Töne so kristallklar und schön. Das reize ihn einfach nicht. Als wolle er beweisen, dass er nicht nur wisse, wovon er rede, sondern es auch könne, gibt er trotz harter Erkältung eine kurze Kostprobe. Sofort verwandelt sich der schnöde Vortragsraum mit abgehängter Decke in eine klingende Kathedrale. Für Sekunden strahlt der kosmische Glanz barocker Ordnung über uns Zuhörern. Rund 40 Trompeterinnen und Trompeter – darunter Amateure, Semi- und Vollprofis – werden andächtig still. Bobby selbst bricht das Schweigen, indem er gesteht, er habe von Anfang an immer Jazz spielen wollen. Seine großen Vorbilder sind die Meilensteine auf dem Weg der Jazzentwicklung. Das Kirchenschiff verdampft zur Jazzkneipe. Ragtime, Swing, Dschungle, Bebop, Cool Jazz – all das rauscht im Zeitraffer durch den Saal.

Jazztrompeter Bobby Shew bei Just Music in München während eines Meet and Greet Vortrags

Jazztrompeter Bobby Shew bei Just Music in München während eines Meet and Greet Vortrags (Foto: Elvira Steppacher)

Jetzt ist das Auditorium für die eigentliche Masterclass bereit. Uns steht ein dreistündiger Vortrag ins Haus, der nur selten von Musik unterbrochen wird. Wohl von Gelächter, denn Bobby ist ein kurzweiliger, unterhaltender Erzähler mit einer gehörigen Portion Selbsthumor. Ihn wundert es anscheinend wirklich, dass so viele Leute seinen Ausführungen lauschen, zumal die Essenz auf ein Flip Chart passe. Dennoch, sein übersichtlicher vier-Punkte-Plan reiche für ein ganzes Trompeter-Leben. Wenn man es richtig und ernsthaft angehe.

  1. Lippengefühl/und –Kontrolle.
  2. Bauchatmung (kombiniert mit Joga-Atmung)
  3. Ansatzkontrolle
  4. Mundstück

Während seiner Ausführungen wird deutlich, dass Bobby gerne Lehrer ist, er aber nichts davon hält, sich als Guru aufzuspielen. Das meiste beruhe ohnehin auf physikalisch-mathematischen Grundlagen – wer die beherzige, mache schon mal ziemlich viel richtig, der Rest sei Psychologie, und die passe nun definitiv nicht auf ein Chart.

“You can impress people to make you like you…” So peu à peu schält sich heraus, dass es neben dem Flipchart mindestens drei weitere Aspekte sind, die Bobby Shews Selbstverständnis als Lehrer und seine Auffassung von der wahren Bedeutung von Musik veranschaulichen.

  1. Das wichtigste sei der erste Ton. Solange der nicht stimme, brauche man gar nicht weiterzumachen. Denn das, erklärt er bestimmt, zugleich mit sichtlichem Gefallen an der Einprägsamkeit des Bildes, denn das sei wie mit Hundescheiße. Solange man die Füße nicht wirklich vom Dreck säubere, stinke jeder weitere Schritt.
  2. Das Zweitwichtigste sei von Anfang an musikalisch zu denken. Lange Töne, um der langen Töne willen? Papperlapapp – spielt Balladen, die enthalten lange Töne genug! Bobby setzt zu „My funny Valentine“ an, die Zuhörer schmelzen und erkennen doch, dass grade jemand betont lange schöne Töne ‚übt ‘.
  3. Das Dritte sei Bescheidenheit. Wer mit dieser Haltung an das Spiel und das Leben gehe, komme weiter als jene, denen es in erster Linie um eines ginge: „ to further on their own Egos. Bobby schönster Satz an diesem Nachmittag: “You can impress people to make you like you or you can touch people and make them like music.”

Dazu passt dann auch seine Schlussanekdote: Vor einiger Zeit erreichte Bobby ein verführerisches Angebot. Für 10.000 Dollar werde er nach eingeflogen, dort sollte er auf der Hochzeit der Tochter eines reichen Mannes aus Virginia vorne am Altar „Here comes the bride“ spielen. Ein weißer Smoking werde für ihn gefertigt, anschließend könne er ja mit der lokalen Band für zwei, drei Stündchen ein bisschen Tanzmusik spielen. Ob das Okay für ihn sei? Bobby, der sich bei der genannten Gage bereits im Siebten Trompeten-Himmel wähnte antwortete: „I am sorry, Sir. I am very flattered that you thought about me and your Offer of 10,000 Dollars is more than generous but you know what: I don’t know how „Here comes the bride“ , I am too fat for a white tuxedo an I don’t know tunes for dancing. I only know Charly Parker stuff. Click.”

 

Subvention kills Veränderungsprozess?

Image-1Auf Xing läuft eine interessante Diskussion in der Jazz-Community, ausgelöst durch einen „Aufruf für alle“ von Ulrich Pfahler weil „immer mehr Jazzclubs aufgeben müssen oder Jazzfremde Veranstaltungen organisieren müssen damit ein Überleben möglich ist“. Die sich entzündende Diskussion brachte viele Argumente hervor, bekannte und unbekannte – wer will, möge die Originalbeiträge dort nachlesen. Ganz unten habe ich einige im Überblick zusammengestelt.

Wenn Du keine Kohle machst, verändere Dich

Interessanter noch als die zum Teil bekannten Argumente fand ich die Debatte, die sich um die Subvention von Jazz (Musikern und Spielstätten)  dreht. Das Thema Subventionierung polarisiert stark – übrigens keineswegs nur bei Musik, sondern etwa auch bei Medien. An anderer Stelle habe ich zum Thema Subvention geschrieben (http://profilitas.wordpress.com/2013/06/08/hier-spielt-die-musik-was-musiker-journalisten-voraushaben/).

„Subvention kills Veränderungsprozess. Und der ist hier einfach bitter nötig.“

„Schrecklich finde ich die Idee, hier zu subventionieren. Von meinen Steuergroschen bitte nicht. Wenn ein Künstler / Veranstalter kein Geld mit der Kunst verdient, ist er vielleicht einfach nur schlecht.“

„Da könnte man jede Branche subventionieren, wenns mal mit dem Geld verdienen nicht so klappt. Der Bäcker an der Ecke, der Apfelstreusel für zu trivial hält und deshalb ausschließlich Pomelo-Remouladenkuchen anbietet. Der Taxi-Fahrer, der die Kundschaft nicht mehr zum Bahnhof fährt, weil das unter seinem Niveau ist.“

„Ich könnte es mir nicht leisten, den Kunden für meine Armut verantwortlich zu machen. Für alle Unternehmen auf diesem Globus gilt das selbe: Wenn Du keine Kohle machst, verändere Dich.“

Jazz. so höre ich heraus, das ist Freiheit, Lebendigkeit.Veränderung Subvention, das ist (politische) Reglementierung, Pseudo-Lebendigkeit und Erstarrung – beides passt jedenfalls nicht zusammen! Die Argumente waren für mich Anregung, nochmal darüber nachzudenken, ob Subventionen in der Musik wirklich so schlecht sind. Mir scheint, es wäre es hilfreich, das Thema Subvention differenzierter betrachten und erst einmal einiges ausprobieren, bevor man es ad acta legt. Fünf persönliche Einschätzungen:

  1. Subvention ist für mich nicht per se antikünstlerisch. Im Gegenteil: durch die Entlastung vom Zwang der Wirtschaftlichkeit entsteht vom Grundsatz her eher Freiheit – im Denken, Ausprobieren etc. Jedes Museum, jede Theaterbühne, jede Universität, jeder mäzenatische Ansatz wäre kunstfeindlich, dem ist aber nicht so.
  2. Die Marktorientierung: nur was verkauft, ist gut und hat seine Existenzberechtigung, ist mir jedenfalls – auf dem Feld der Kunst – zu einseitig marktgetrieben. Das Beispiel Medien zeigt sehr deutlich, dass Qualitätsjournalismus sich eben nicht zwingend von alleine verkauft, aber trotzdem unverzichtbar ist.
  1. Subvention und Wettbewerb schließen sich nicht automatisch aus. Ich gebe gerne zu, dass es schlechte Beispiele gibt, wo durch Subventionen Überproduktion, falsche Anreizen und anderes Schlechtes mehr erzeugt wird (nicht zuletzt Subventionsprofiteure, die  ihre ohnehin starke Position durch gute Lobbyarbeit mit den ihnen zufließenden Subvention weiter festigen…), aber es gibt auch Beispiele, wo Subventionen etwas überhaupt erst ermöglichen. Subvention, Zielsetzung und Evaluation gehören aber eng zusammen.
  1. Subvention kann in ganz unterschiedlichen Formen auftreten: Für die Künstler (Mindestgage? http://www.sueddeutsche.de/kultur/jazz-in-deutschland-mindestgage-fuer-musiker-1.1350761.) dürfte sie allerdings anders aussehen als für die Betreiber von Spielstätten, für die Veranstalter von Events oder für die Ausbildungs- und Forschungsinstitutionen. Hier lohnte es sich, über Fördermöglichkeiten nachzudenken, die den Künstlern und der Jazzerziehung / Jazzkultur zugleich zugute kämen. Analog gilt es bei den Spielstätten genau zu überlegen, welche Subvention wirklich jazzförderlich ist: Bei dem einen Club könnte es eine Lärmschutz-Baumaßnahme sein, die ermöglicht, dass ein Jazzlokal im Zentrum bleibt, beim nächsten eine regelmäßige CD-Release-Reihe, beim wieder nächsten eine Veranstaltung mit Schulen usw.. Ob die Länder schon hinreichend kooperieren, wissen andere besser, ich hoffe es aber. Übrigens: In Berlin an der UDK gibt es ein sehr gutes, mit EU-Mitteln subventioniertes Programm, das Künstern vermittelt, sich besser zu positionieren und zu vermarkten. http://www.udk-berlin.de/sites/digimedial/content/digimedial_musik/index_ger.html Warum nicht exportieren?
  1. Subvention kann auch darin bestehen, Netzwerke zu fördern oder interessante Konzepte zum Austausch von „Best Practices“ zu fördern. An guten Ideen dürfte es nicht mangeln. Neue Plattformen zu nutzen, gute bestehende bekannt zu machen – damit ginge es schon mal los.

Nochmal: Nicht alles und jedes, was schwer verkäuflich ist, sollte subventioniert werden . Zwischen Kunst bzw. Jazz-Musik und Taxifahren besteht aber ein beachtlicher Unterschied. Derhat auch damit zu tun, dass in der Kunst eine Deutung unserer Wirklichkeit gegeben wird, beim Taxifahren aber eher nicht. Wenn Kunst sich weiterentwickeln soll, ist eine Marktorientierung weder nur gut, noch vollkommen schlecht. Hier etwas weniger reflexhaft und absolut, sondern im Sinne des Jazz experimenteller vorzugehen, wäre mir als Steuerzahlerin einen Groschen wert.

Und hier einige Auszüge aus den Argumenten der Xing Community  nach Argumenten geordnet (https://www.xing.com/de/communities/posts/aufruf-fur-alle-1001727715?page=1):

Ökonomische Rahmenbedingungen der Jazzclubbetreiber

Es ist ja nicht alleine das Publikum. Selbst mit rapellvoller Bude ist ein Club nicht „profitabel“ zu führen. KSK, Gema, Gagen, Hotel, Lärmschutz, Vereinsrecht, stiegende Mieten, weniger Vermieter, die auf Live-Musik Bock haben etc. Finanzämter, deren Kulanz (politisch gewollt) bei gemeinützigen Vereinen wegbricht und es immer mehr Betreibsprüfungen gibt …

Schlechtes Marketing bei Veranstaltern und Künstlern

Vielleicht waren aber auch die Veranstaltungen und Bemühungen Leute zum Hören von LIVE-Musik zu bewegen zu gering?

Vieleicht können die Musikveranstalter lernen, www für ihre Bedürfnisse zu nutzen und Kunden und Lieferanten zusammen zu bringen.

Die klassiker haben es schon besser raus sich zu vermarkten und vor allem sich über berufsverbände zu positionieren. das haben die jazzer jahrelang verpennt: musiker wie hochschulen, clubs, veranstalter aller art und plattenfirmen… so ist´s eben. da brauchen wir jetzt nicht ´rumheulen.

Etikettenschwindel

Was nützt mir eine Jazzveranstaltung, wenn dort Pop angeboten wird? Publikumsorientierung hin oder her.

Veränderter Musikgeschmack

Was gibts davon zu halten? Ich denke man muss den Wunsch des Publikums respektieren. Bei WDR 5 gab es vor einigen Jahren eine riesige Diskussion. Die These, dass Menschen, die gerne ein „anspruchsvolles“ Wortprogramm hören, auch Instrumental-Jazz mögen, ist einfach nicht mehr aufgegangen.

Nur an der Big Shots orientiertes Interesse des Publikums

Ich sehe das Problem beim Publikum, die Leute sind Stubenhocker. In unserem Bekanntenkreis kann ich die Leute nur übererden mit in den Club zu gehen wenn „grosse Künstler“ spielen.

Qualität und Zugang zu Top-Acts via: You tube & Co

Welcome to the Marktwirtschaft. Ich befürchte, auch ohne www wären die Bilanzen für die Clubs nicht besser. Meines Wissens hat in den 80igern auch kein Clubbesitzer die Audiocassette für die Schließung seines Ladens verantwortlich gemacht.

Schlechte Ausbildung

Ein Ausbildungsproblem! Leider ist auch im Jazz, die Ausbildung der Grund des Übels!

 

Musik live zeichnen: Elementarer Reichtum, statt Ex & Hopp

Ray Brown (b), George Fludas (dr), Larry Fuller (p) by Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Ray Brown (b), George Fludas (dr), Larry Fuller (p) by Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Live Zeichner Horst Müller hat auf fremder Leute Hochzeiten gemalt, die Feiern großer Unternehmen illustriert und Benefizgalas in Aquarell getaucht. Doch all das blieben  Zweck-Bündnisse. Als Herzensbund dagegen empfindet er seine Liebe zum Jazz.  In seiner eigenen Hoch – Zeit pendelte der Autodidakt zwischen den Hotspots  der Szene: Burghausen, Erlangen, München Neuburg an der Donau, Regensburg, Salzburg… Jazzer der 90er Jahre kennen ihn aus Clubs wie dem Birdland, der Unterfahrt oder von Jazzfestivals wie dem Salzburger Jazz-Herbst. Von seiner Kunst leben konnte „Live Zeichner Horst Müller“ aus Essen schlecht. Er ist überzeugt, dass Europa eine Partei für Kunst- und Kulturschaffende fehlt. 

Wann hast du Zeichnen angefangen? Mit 29, das war Ende 1984, nach sieben Jahren auf der Straße. Ich war fix und fertig und zum Sozialhilfe-Empfänger aufgestiegen.

Jazz Fotograf Peter Brunner hat Horst Müller öfter beim Zeichnen fotografiert. Hier in Slzburg beim Jazz-Herbst Mehr als 3000 Musikerfotos unter jazzfotos-brunner.at r (Alle Rechte vorberhalten)

Jazz Fotograf Peter Brunner hat Livezeichner Horst Müller beim Salzburger Jazzherbst fotografiert. Mehr als 3000 Musikerfotos unter www.jazzfotos-brunner.at (c) Peter Bunner, alle Rechte vorberhalten

Wieso wolltest du gerade Musiker zeichnen  – Musik ist doch unsichtbar? Musik war mir immer sehr nahe, sie ist sensibelste Kommunikation. In meinem Wahn, dem ich nicht widerstehen konnte, kaufte ich mir damals von meinem Heizkostengeld, das ich bar ausgezahlt bekam, für 300 DM Tablas [Anmerkung Jam-Radar: Die Tabla ist ein Schlaginstrument der nord- indischen Musik]. Mit meinem monotonen Getue hab ich Tag und Nacht die Nachbarn genervt, aber es wurde ein verdammt kalter Winter. Ich dachte wohl, aus mir könne auch noch Musiker werden. Na ja, jedenfalls war es meine erste Berührung mit Weltmusik und damit Jazz. Vor allem durch persönliche Begegnungen – zum Beispiel den Bassisten Rainer Glass, den Pianisten Thomas Tink und den Drummer Charly Antolini –  habe ich  mich intensiver mit Jazz beschäftigt. Aber im Mittelpunkt standen für mich immer die Musiker als Menschen.

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Papier, Stift, Klembrett: los geht’s! (c) Peter Brunner, Alle Rechte vorbehalten

Worauf kommt es an? Man muss die Musiker genau beobachten, die Stellen, an denen sie schwitzen, ihre individuelle Bewegung, die mit dem Instrument zu tun hat. Oder das Zusammenspiel mit den anderen, die Beziehungen, die sie musikalisch eingehen. Man darf natürlich nicht nur fasziniert auf die Bühne starren, sondern muss selbst aktiv werden und mitgehen. Eigentlich hat man unendliche Möglichkeiten. Die entscheidende Frage lautet, womit kann ich selbst zufrieden sein?

Freddy Hubbard (tp), Xavier Davis (p), Steve Davis (tb), Jimmy Green (ts),Augsburg 2002. Herzlicher Dank an Livezeichner Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Freddy Hubbard (tp), Xavier Davis (p), Steve Davis (tb), Jimmy Green (ts),Augsburg 2002. by Livezeichner Horst Müller (c) Alle Rechte vorbehalten

Wo liegt der Reiz der Zeichnung gegenüber dem Foto? Ich beneide  Fotografen zwar, weil sie  im Display ihre Bilder auch nachträglich noch so ranzoomen können, dass man die Schweißtropfen sieht. Aber ich tue nun mal etwas anderes. Ich kann dafür auch gleich nach dem Konzert zum Musiker gehen und mir ein Autogramm unter das Bild geben lassen. Außerdem habe ich schon mit Jazz-Legenden Gespräche geführt und durfte ihnen ganz nahe sein.

Hättest du nie Lust gehabt, Musik zu fotografieren? Doch, ich hab sogar inzwischen auch eine Digitalkamera (für 50 Euro). Manchmal mache ich begleitend ein Foto. Mir fällt auf, dass ich einen sehr guten Blick für die Motive habe. Ich mache interessante Fotos, aber Zeichnungen haben eine ganz andere Faszination. Das ist etwas Elementares.

In Farbe: Ray Brown Trio , Audi Forum Ingoldstadt 2001 by Horst Müller (Alle Rechte vorberhalten)

In Farbe: Ray Brown Trio , Audi Forum Ingoldstadt 2001 by Horst Müller (Alle Rechte vorberhalten)

Farbe? Oder Schwarz-Weiß? Vollkommen egal, wenn einem eine Sache langweilig wird, kann man jederzeit anderes ausprobieren – wie die Musiker und Musikerinnen!

Fotografen haben mit dem meist schlechten Licht in Jazzclubs ein Problem… Ach, das ist eben so wie es ist, man muss aus der Situation heraus zaubern. Manchmal hab ich aber auch ein Klemmlämpchen dabei.

Du zeichnest auch bei Jazz-Workshops und auf Jam Sessions – gibt es Unterschiede zu einem normalen Konzert? Vom Zeichnen her sind Sessions eher undankbar. Der rasche Wechsel macht es noch schwerer, sich einem Musiker zu nähern. Ansonsten ist es reizvoll, dass bei den Workshops von 12 bis 70 alles auf der Bühne zusammen kommt. Man spürt erst Schüchternheit, aber dann kommt’s: die können was.

Max Treutner (sax) in Erlangen by Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Jugend musiziert: Der damals 12jährige Max Treutner (sax)  in Erlangen by Horst Müller (Alle Rechte vorbehalten)

Junge oder Alte Musiker –ein Unterschied? Zeichnerisch – nein. Es gibt so viele junge und schon sehr erfahrene, um nicht zu sagen, ausgebuffte Musiker und Musikerinnen. Und auch alte bringen sich noch überraschend und mit viel Feingefühl kreativ ein. Ein äußerst betagter Pianist aus Manhattan, den ich mal fragte, warum er sich die Strapazen der Tournee noch antue, hat gesagt: „Lieber auf der Bühne während eines Konzerts sterben als zuhause im Pyjama vor dem TV.“

Dein Motto lautet: get rich with art? Wie ist das gemeint – kann man mit Illustrationen überhaupt reich werden? Ich meine elementaren Reichtum, den Reichtum der Seele. Ich wüsste zwar mit Geld Tolles und Gutes anzufangen, aber Geld ist nicht das Wichtigste – auch, wenn es ganz ohne Geld nicht geht.

Horst Müller wollte Zeit zum Nachdenken. Ex und Hopp ist seine Sache nicht. Wie es sich für einen Zeichner gehört, hat er seine Antworten mit Stift und Papier zurückgesendet. Der 1955 geborene Essener lebt heute in Nürnberg. Er hat viele der ganz Großen persönlich kennengelernt: Harry Sweets Edison, Art Farmer, Dave Brubeck, Oskar Peterson u.a.m. Müllers Credo: Diener und Kämpfer für eine „Freie-Faire-Intelligente-Humanistische- Zivilisierte-Zukunftsorientierte-Kultur-Gesellschaft“. „Live Zeichner Horst Müller“ ist zu erreichen unter +49 (0) 176/ 68 41 3309

Herzlicher Dank an Jazzfotograf Peter Brunner (www.jazzfotos-brunner.at)
Die Fragen stellte Evira Steppacher.

Flieg, Voglerchen, flieg…

Thomas Vogler begrüßt jeden Gast in der Rumfordstraße 17 mit einem sonoren „‘n Aaabend“, wobei die Länge des „A’s“ anzeigt, wie gut oder lang er die Gäste kennt.  Der Inhaber der gleichnamigen Jazzbar  polarisiert ordentlich in der Münchner Szene. Sein Humor ist mindestens so ausgeprägt wie sein Starrsinn, wovon auch die Staats-Regierung, die GEMA oder die Lufthansa ein Lied singen könnten. Aber bitte nur bis um 24 Uhr, danach dreht Vogler rigoros ab. Hin und wieder schockt er seine Leser, indem er androht die legendäre Jam-Session am Montag einzustellen. Dabei ist die so wenig wegzudenken wie sein wöchentlicher Newsletter. Mittwoch, 34 Grad im Schatten, High Noon – höchste Zeit für Jam-Radar, dem Herrn Vogler eine frische Brise zu wünschen – und Gäste, die coolen Jazz auch im Sommer unverzichtbar finden.

Thomas Vogler mit Tom Reinbrecht by Lena Semmelroggen

Thomas Vogler, Inhaber der Jazzbar Vogler in München (im Hintergrund: Saxophonist Tom Reinbrecht). Herzlichen Dank an die Fotografin Lena Semmelroggen von Smashing Snapshots (Alle Rechte vorbehalten).

Ein Wirt,  der Editorials schreibt – ungewöhnlich! Ich habe als Journalist ange- fangen, war unter anderem mal Nachrichtensprecher. Meine Stimme klingt angeblich ganz gut im Radio, aber ich wurde die Nervosität am Mikro nicht los. Einmal las ich statt: „Bagdad“: „Bhagwan“ – und bekam einen Lachanfall. Das war‘s dann, weshalb ich mich immer mehr in Richtung PR, Kommunikation, Marketing entwickelt habe.

Dein Weg zur Jazzbar? War ziemlich krumm. Ich hab nach meinen
journalistischen Versuchen z.B. für einen Erlebnispark und einen Verlag gearbeitet, wurde aber nicht glücklich dabei. Jedes Mal, wenn ich in einem guten Club saß, habe ich, wie wahrscheinlich jeder, rumgesponnen und gedacht, das wär‘s doch – aber meine Realisierungs-Chancen waren so ähnlich wie „Vogler fliegt zum Mond“. Über eine Freundin kam ich der Sache dann näher und
begann mich – erst einmal erfolglos – bei Brauereien zu bewerben. Ich hatte den Plan schon aufgegeben und meine Unterschrift unter einen Vertrag vom „Nürburgring“ gesetzt, als das Angebot der Spaten-Brauerei kam.

Was bot man dir an? Ein großes Lokal in der Rumfordstraße 17. Der Laden war damals eine Leiche: Ich war der sechste Wirt in zehn Jahren. Irgendwann war allerdings auch mal ein Grieche drin, der immer wieder Live-Musik anbot. Ihm verdankt die Jazzbar Vogler die Konzession für Live-Musik. Das war natürlich in der Lage ein Sechser im Lotto [die Rumfordstraße liegt neben dem Viktualienmarkt].  Der zweite Sechser: Die Spaten-Brauerei als Partner. Wie in jeder guten Ehe hatten wir zwar auch mal unsere Probleme – aber das gehört dazu.

Du hattest also von Tuten und Blasen keine Ahnung – wie kamst du an die Musiker? Stimmt. Ich hatte noch nie in der Gastronomie gearbeitet und kannte keinen einzigen Musiker. Aber ich hatte noch mal Glück: eine sehr gute Freundin wohnte zufällig neben dem bekannten Jazzgeiger Hannes Beckmann, dessen Quartett spielte dann die ersten beiden Abende bei mir. Über Beckmann kam die Verbindung zu dem Bigbandleader und Schlagzeuger Harald Rüschenbaum sowie dem Pianisten Joe Kienemann. Kennst Du einen – kennst Du alle. Der Besucherandrang zur Eröffnung am 31. Juli 1997 war sensationell, mein alter PR-Verteiler hatte funktioniert, aber ab 1. August wurde es schlagartig heiß und mich hat eiskalt das Sommerloch erwischt. Ich hatte zwar schon jeden Abend Live-Musik, unter anderem mit den Pianisten Tizian Jost oder Edgar Wilson, aber verkaufte höchstens drei Bier – pro Abend. Es war: leicht frustrierend.

Wie kam es zu den Jam Sessions? Das war eine Anregung von Hannes Beckmann, der meinte, so was brauche man in jeder guten Jazzbar. Damals hatte ich noch sieben Tage die Woche auf, Montag war mein schwächster Tag, also, dachte ich, warum nicht? Der Posaunist Hermann Breuer hat die Sessions dann am Anfang geleitet, Breuer gemeinsam mit Beckmann sind also gewissermassen die „Väter“ der Vogler Jam-Session.

Vogler-Kondom

Werbemittel: Kondomverpackung

Ziehen Jam Sessions eher Stamm- oder neue Gäste? Sowohl als auch. Die Jam-Session hat ein ganz eigenes Publikum, das die anderen Konzerte so gut wie gar nicht besucht. Und: Es ist ein sehr junges Publikum, was für München ungewöhnlich und für den Jazz gut ist, weil es neue Zuhörer für die Musik begeistert. Im ersten Set, das ich buche, ist das Niveau hoch wie bei einem Konzert, danach wird’s naturgemäß schwankend. Aber es gibt auch Highlights, weil grade unglaublicheMusiker in der Stadt sind, die unverhofft reinschneien.

Neulich warst du kurz davor, die Jam-Session zu killen – warum? An keinem andern Abend muss ich so viel vor dem Lokal sein, um für die Ruhe meiner Nachbarn zu sorgen. Es ärgert mich, dass ich  immer wieder die gleichen Musiker mit ihren Getränken reinbitten muss – das „Vogler“ hat nun mal keine Freischankfläche. Es gibt bestimmte Regeln, nach denen sich alle – ich und die Musiker richten müssen. Das „Vogler“ liegt in einer Wohngegend, und ich kann nicht wegen der Session den Bestand der Jazzbar insgesamt gefährden.

Schon mal an elektrische Lärmanzeiger gedacht? Ich find‘s eigentlich überflüssig, denn das Problem existiert ja die ganze Woche nicht. Bitte, ich will kein Musiker-Bashing machen, aber es sind fast ausschließlich Musiker, die sich viel draußen auf- und unterhalten. Sicher auch, weil sie  gerne rauchen und sich selten sehen. Aber seit der Zwangs-Pause funktioniert es viel besser, ich bin optimistisch – wie immer.

Wie komplimentierst du renitente Gäste raus? Es kommt selten vor, aber meistens hilft eine direkte Ansprache.

Welche Musik hörst du außerhalb deiner Bar,  im Auto oder zuhause? Ich hab kein Auto und höre in meiner freien Zeit ganz wenig Musik. Wenn ich in der Früh nachhause komme, falle ich ins Bett, wenn ich zuhause arbeite, muss ich mich konzentrieren. Wenn ich allerdings Musik höre, dann breit gefächert: Ich gerne mal in die Oper, höre auch mal Rammstein, auf dem Land auch gerne bayerische Volks-Musik und und und – und: natürlich: Jaaaaaaazz.

Welche drei Eigenschaften, sind für den Gastronom unverzichtbar? Ein ehemaliger Chef hat mal gesagt, Vogler, du brauchst für alles die drei  B’s: Biss, Bewusstsein, Begeisterung. Besser kann man es nicht formulieren.

Was nervt an deiner Arbeit? Es ist ein unglaublicher Knochenjob mit einem völlig konträrem Lebens-Rhythmus und: der Kostendruck wird immer größer, aber ich hab nur wenig Möglichkeiten, das aufzufangen – das Bier kann ja nicht plötzlich fünf Euro kosten. Dadurch muss ich immer fast alles selber machen, vom Putzen über den Einkauf über das Booking über das Büro über das nächtliche Arbeiten – das macht alles nicht gerade einfacher – und jünger werde sogar ich nicht.

Warum ist es trotzdem der schönste Job für dich? Ich hab noch nie so viel wie in den letzten 16 Jahren gearbeitet, noch nie so wenig verdient – und noch nie so viel Spass gehabt. Meine Prioritäten waren früher andere, früher wollte ich in der PR und im Marketing „wichtig“ sein – das hat sich gedreht.

Thomas Vogler mit Nina Michelle und Nirit Sommerfeld_by Lena Semmelroggen

Na bitte, geht doch: Vogler und die Sängerinnen. Küsschen von der Kanadierin Nina Michelle (lks.) und der Israelin Nirit Sommerfeld bei „Jazz gegen Rechts“. Dank an Lena Semmelrogen für die Überlassung der Fotos (alle Rechte vorbehalten)

Stichwort Sängerinnen…? Sängerinnen?! Ich weiß, worauf Du anspielst, es heißt immer wieder, ich mag keine Sängerinnen
auf den Jam-Sessions. Das ist aber Quatsch. Wie so vieles, was über mich erzählt wird. Was ich nicht mag, sind schlechte Sängerinnen. Das beziehe ich aber genauso auf schlechte Sänger, Trompeter, Schlagzeuger, Saxophonisten etc. Und manchmal grenzt einfach manche Performance an Körper-Verletzung.

Bist du schon mal in der Gefahr gewesen, dem Alkohol zu verfallen? Ich?! Nein. Wenn ich arbeite, trinke ich nie, vielleicht mal Sonntags ein Glas Wein oder auch zwei.

Jazz gegen Rechts„Jazz gegen Rechts“, der Fall Mollath… du bist du mehr und mehr politisch aktiv. Warum? Es Es war mir schon immer ein Anliegen, aber ich hab‘s am Anfang nicht so forciert. Ich lebe in einer sehr privilegierten Situation, bin „bei der Lotterie des Lebens“ hier in München runtergeplumpst, bin hier geboren und nicht z.B. in einem Slum – und dieses Glück ist mir sehr bewusst. Daher versuche ich Menschen, denen es nicht so gut geht, ein wenig mit meinen bescheidenen Mitteln zu helfen, sei es durch Benefizabende, sei es durch Petitionen, sei es über meinen grossen Verteiler, den ich als Multplikator nutze.

Du warst Schüler im Kloster Ettal, bist katholisch erzogen, und in Bayern ohnehin christlich sozialisiert. Warum bist du gegen das Musikverbot an Karfreitag? Ich find‘s schade, dass die Politik den Menschen einerseits im 21. Jahrhundert vorzuschreiben versucht, was sie zu glauben haben, andererseits aber nicht bereit ist, die gleichen Feiertagsrechte für andere Religions- oder Glaubens-Gemeinschaften bzw. Atheisten einzuräumen. Ich find das diskriminierend. Hinzu kommt, dass ich die ersten zehn Jahre lang ohne jegliche Probleme an Karfreitag Musik spielen lassen durfte: Joe Kienemann, Sohn eines Pastors, hat viele Jahre sehr sensibel Kirchenlieder bei mir verjazzt, das Programm wurde also dem Tag absolut gerecht. Aber im 11. Jahr war plötzlich alles anders: Das KVR schickte die Polizei, es gab einen Bussgeld-Bescheid über 528,- Euro und, natürlich, kam es zu einem Prozess. Grund für das Ganze: Die Regierung von Oberbayern hatte dem Kreisverwaltungsreferat (KVR) kurz vor Karfreitag ein Schreiben geschickt, das absolute Musikverbot in Schankräumen müsse unbedingt eingehalten weren. O-Ton KVR: „Da haben wir gewusst, dass wir etwas wissen müssen.“ Besser hätte es auch Karl Valentin nicht formulieren können.

Du hast einigen Musikern Hausverbot erteilt: Macht oder Ohnmacht? Weder noch: Konsequenz. Der betroffene Musiker sieht es sicher anders. Aber nochmal: Ohne Regeln kann kein Club überleben. Es gibt in jedem Bereich Menschen die glauben, sie können tun und lassen, was sie wollen. Ohne Rücksicht auf andere, nur um das eigene Ego zu befriedigen. Und manchmal hilft dann halt nur: Ein Hausverbot. Aber das ist, Gott sei Dank, selten.

Das Gespräch führte Elvira Steppacher

Max und sein Sax: Wer zuletzt lacht, spielt am besten…

Musikalisches Wunderkind, Ausnahmetalent, Saxophongenie – Max Treutners Begabung weckt große Begriffe, sein Tenorspiel einfach nur Staunen. Die spielerische Souveränität des Vierzehnjährigen, der 2010 und 2012  als bester Solist bei „Jugend jazzt“ (Baden-Württem- berg) hervortrat, fasziniert auch ohne Musikverstand. Beim 33. Internationalen Jazz Workshop in Erlangen verriet Max, warum ihm um vier Uhr E-Dur einfällt, weshalb er null Bock auf Punk hat und warum er „Blue Bossa“ auf Jam Sessions hasst. Außerdem lernen wir: Bei Hochbegabten hat Auslachen mal kein übles, sondern ausnahmsweise ein gutes Nachspiel.

MaxTreutnerMax, wie lange musizierst Du?
Ich mache Musik seit ich 8 bin, also seit ungefähr 6 Jahren. Begonnen hab ich im Gruppen-Unterricht unserer Gemeinde. Da durfte jeder mal in eine Trompete reinpusten und das hat mir schon Spaß gemacht. Aber ich war nicht so gut, schon gar nicht der Beste. Der Lehrer hat gesagt: Jetzt spielt mal ein C und ich hab nicht mal gewusst, dass man es offen, also ohne Ventile, spielt. Daher hab ich ziemlich viele falsche Töne gespielt und die anderen haben mich alle ausgelacht.

Das ist ja unfair! Wie bist du damit umgegangen?
Mein Vater hat bei Ebay mein erstes Saxophon, ein Expression, ersteigert. Dann hab ich mit dem Buch von Dirko Juchhem „Mein schönstes Saxophon-Hobby“ angefangen zu üben. Da werden alle Noten erklärt. Auf dem Saxophon hab ich dann jeden Tag gespielt, das hat  mir dann auch richtig Spaß gemacht.

Hat sich jemand aus der Gruppe bei Dir entschuldigt?
Na, ja, mein Freund, der damals auch gelacht hat, sagt heute: eigentlich müsstest du mir dankbar sein. Außerdem hat er eine Woche nach mir in der Musikgruppe aufgehört, weil er ja mit mir zusammen was machen wollte.

Wann hast Du bemerkt, wie begabt du bist?
Als ich die ersten Stücke nach wenigen Tagen konnte und gleich einen schönen Ton hatte. Außerdem fiel mir alles viel leichter als meinem Vater, der ja mit mir angefangen hat. Während sich mein Vater zum Beispiel für eine Stück zwei Tage vorbereitet hat, um es einigermaßen zu spielen, konnte ich es, wenn er mir die Noten gezeigt hat, in fünf Minuten schon besser als er.

Gibst Du Dir und der Trompete irgendwann eine zweite Chance?
Eher nicht, ich spiel ganz gerne Klavier, auch ein bisschen Bass und Gitarre, aber ganz wenig.

Fährst Du manchmal zu Jam Sessions?
Ja, in Aidlingen gibt es Sessions während der Jazzworkshops, so wie hier in Erlangen, außerdem machen die einmal im Monat eine Session, da hab ich mich manchmal dazu gesellt. Aber eigentlich find ich‘s nicht so besonders, in Jam Sessions zu spielen.

Warum?
Weil jeder halt irgendwie so ungeplant spielt und meistens Blue Bossa, das Stück hass ich, weil es meistens so langweilig gespielt wird. Klar, wenn Joe Henderson das spielt, dann find ich‘s natürlich schon interessant. Mit guten Musikern macht auch mir eine Session Spaß.

Lässt Du dich auf Experimente ein oder gehst Du gut vorbereitet hin?
Ich geh eher geplant vor, komme also mit ein paar Stücken, die ich spielen will, zur Session. Aber klar, wenn ein Blues oder so gespielt wird, mach ich auch spontan mit. Bei Stücken, die ich nicht vorbereitet hab, da spiel ich eigentlich nicht mit, weil die andern sich sicher auch vorbereitet haben und ich dann nicht mit rein platzen will.

Wie bereitest du dich vor?
Auf Stücke weniger, aber auf die Changes schon, da schau ich mir die verschiedenen Akkorde und II-V-I-Verbindungen an. Ich transkribiere viel, kopiere Licks, erfinde selber welche. Ich improvisiere einfach darüber.

Was und wie lange übest du?
Ich übe nur Technik, dann Etüden und Tonleitern. Etwa eine dreiviertel bis eine Stunde. Am Schluss spiele ich mal was, was richtig Spaß macht, aber sonst übe ich nur das, was mir auch was bringt. Technik muss man sich immer erarbeiten, das kostet jeden – mich auch – viel Zeit. Schwer zu spielen ist es nicht. Das  Schwierigste ist, das alles in den Kopf reinzukriegen. Je langsamer es reingeht, desto langsamer geht’s auch wieder raus.

Klingt sehr strukturiert, oder?
Zuhause haben wir drei Uhren, in denen der Quintenzirkel abgedruckt ist. Daran orientier ich mich manchmal, also um vier spielen wir dann E-Dur oder so was. Alle die zu uns kommen, fragen sich dann schon mal, was das für ein Geheimcode ist, aber man prägt sich das leichter ein. Auch mein kleiner Bruder Cedric, der nächstes Jahr mit auf den Workshop kommen will, kann sich das dann besser merken. [Übrigens, so sieht sie aus, die Uhr…. http://www.uvds-design.com/quintenzirkeluhr/flash-intro.html]

Wie gehst du mit Fehlern um?
Wenn ich einen Fehler mache,  sind das ja eigentlich Lernprozesse.

Zählt das Fach Musik zu deinen Favoriten?
Doch Musik ist ganz gut, aber, was mir nicht so gefällt, ist, wenn wir andere Musikrichtungen durchnehmen,  Punk zum Beispiel interessiert mich gar nicht.

Wie steht es um deine Leistung in den anderen Fächern?
Durchschnittlich würd ich sagen.

Wie bist du auf Jazz gekommen?
Eigentlich gibt’s ja keine andere Musikrichtung, die man auf dem Saxophon spielen kann. Jazz, Blues, Funk. Blues ist ganz einfach und ganz schwer.  Etwas Neues darüber zu spielen, ist schwer, aber es macht mir auch sehr viel Spass.

Jede Improvisation in einem Solo ist eine Komposition. Komponierst du auch eigene Themen?
Ich hab nur ein Stück geschrieben, den Treutner Blues.

Welches sind Deine Vorbilder?
Sonny Rollins, Eddie Lockjaw Davis, Johnny Griffin, Oscar Peterson, John Coltrane, Chet Baker, Miles Davis, John Coltrane.  Der frühe Sonny Rollins gefällt mir allerdings besser. Der hat alles so klar gespielt und so schöne Melodien erfunden. Heute lebt er, glaub ich, auf dem Bauernhof, steht morgens auf, geht zu seinen Kühen, dann übt er,  10 Stunden, dann kümmert er sich um seine Tiere.

Wäre das auch ein Leben für dich?
Nein. Aber wenn ich Musik studieren will, muss ich auch mehr Zeit am Tag musizieren. Ein Dozent hat mir vorgeschlagen, ich soll am Wochenende mal probeweise acht bis zehn Stunden üben, das hab ich ihm jetzt versprochen.

Vielen Dank für das Gespräch, Max.
Das Gespräch führte Elvira Steppacher

Dieser Link führt zum Max Treutner-Channel auf You Tube mit diversen Auftritten http://www.youtube.com/user/maxophonde/videos?view=0  und hier gelangt man zu seiner Homepage: www.maxophon.de

Eins, zwei, drei….Klick! Was Fotografen denken

Bei Konzerten und Sessions sind sie nicht wegzudenken: Fotografen, die konzentriert ihre Arbeit tun. Bekommen sie überhaupt etwas von der Musik mit, während sie die Künstler fokussieren? Was nervt einen Fotografen an Kollegen?  Können sie von ihrer Kunst leben? Fragen über Fragen. Antworten haben Lena Semmelroggen, Dietmar Liehr und Frank Schindelbeck.

Lena Semmelroggen (30) entdeckte erst mit Anfang 20 das stehende Bild– ausgelöst durch eine Handy-Kamera. Einem befreundeten Modefotograf gefielen ihre Aufnahmen, daher riet er ihren Eltern, der Tochter zu Weihnachten einen anständigen Fotoapparat zu schenken. Lena Semmelroggen versteht sich selbst als Stage-Photographer in der Tradition der Künstler-Fotoreportage.  Sie fotografiert mit einer Canon EOS 5D Mark II mit festen Brennweiten. Vor wenigen Tagen erlebte sie ihren ersten Fotodiebstahl. Aber die Vorstellung, dass jemand ein Leinwand-Großformat nachts durch das Münchner Westend schleppt, amüsiert sie eher. Lena Semmelroggen ist Autodidaktin und eine der wenigen, die ausschließlich von der Jazz-Fotografie leben. Ihre Bilder kann man auf ihrer Homepage SmashingSnapshots anschauen und – noch – in ihrem Treppenhaus.

Wann bist du mit einem Foto zufrieden?
Lena Semmelroggen: Mir gefallen all die Bilder, die einen besonderen Moment einfangen. Mein Ziel in der Jazz-Fotografie ist es, möglichst keine ikonologischen Standards zu wiederholen, die dann irgendwann zu Klischees werden. Es gibt ganz viele tolle Close ups von Trompetern mit angestrengtem Gesicht und die mache ich natürlich auch, klar…. aber die Bilder, die mich richtig glücklich machen, sind die, wo es mir gelingt, einen Zwischenmomente einzufangen. Zum Beispiel dann, wenn jemand vergisst, dass er auf der Bühne steht und seine Rolle spielt. Da gibt es diesen kleinen Moment, wo ein Künstler wirklich er selbst ist oder sich eine Interaktion zwischen zwei Musikern ergibt, indem sie sich anerkennend zuzwinkern. Wenn man den Moment erwischt, sieht man auch auf dem Foto: „Oh, da ist jetzt etwas Besonderes passiert“. Ich hatte ja das Glück, Bob Brookmeyer noch kurz vor seinem Tod kennenzulernen und habe seine letzten Studioaufnahmen gemacht. Das war sehr beeindruckend für mich, ihn kennenzulernen. Ich hoffe, die Fotos dokumentieren etwas davon.

Was ist für dich ein No-Go in der Fotografie? Es gibt Momente, wo man den Musikern ganz nahe ist, etwa wenn nach dem Gig eine Situation entsteht, die fotografisch sehr interessant ist, wo ich aber aus Respekt vor dem Künstler nicht mit der Kamera draufhalte, weil ich spüre, dass es unangebracht wäre. Da entsteht dann schon so etwas wie ein innerer Konflikt. Einerseits würde man mit so einem Foto in die Geschichte eingehen, aber ich kann es nicht machen, weil ich mir sonst das Vertrauen dieses Menschen für immer zerstöre.

Kann man von Jazz-Fotografie leben? Erstaunlicherweise ja (lacht), wenn an sein Leben danach ausrichtet. So muss ich es formulieren. Mit Jazz-Fotografie ist es ja nicht wie für große Markenartikel wie BMW oder so, wo man drei Foto-Jobs macht und dann das ganze Jahr davon zehren kann, sondern es sind eher kleine Beträge, mit denen man sein Auskommen hat. Klar, ich muss schon Abstriche machen: ich hab keine riesengroße Wohnung und fahre kein dickes Auto, sondern richte alles Äußere so ein, dass ich das machen kann, was ich am allermeisten liebe. Und dann funktioniert es auch.

Was denkst Du beim Fotografieren? Kannst du gleichzeitig der Musik zuhören? Nicht viel. Eigentlich ist für mich der ideale Zustand , wenn ich gar nicht mehr beim Fotografieren denke und es irgendwie schaffe, musikalisch mit der Situation zu verschmelzen. Am Anfang habe ich natürlich viel nachgedacht: über Bildkomposition, Einstellungen usw., aber das gibt sich zum Glück mit der Routine. Wenn ich zu viel denke, werden meine Bilder eher schlechter, weil ich sehr intuitiv und aus dem Bauch heraus arbeite. Für die Momente, die ich einfangen will,  gefühlsmäßig dafür offen zu sein, ist eine Stärke von mir – mehr als etwas zu komponieren. Da ist Denken eher hinderlich.

Was bevorzugst du: Schwarzweiß oder Farbe? Ich bin ein totaler Schwarz-weiß-Fan, weil man da weniger hat, was vom Moment ablenkt. Man stilisiert den Moment raus und gewinnt eine Klarheit, die mir bei Farbe oft verloren geht.

Wie stehst du zur Bildbearbeitung? Ich bearbeite die Fotos immer nach, da ich alles raw fotografiere. Das was aus der Kamera rauskommt, ist total flach, so dass ich Kontrastkurven usw. nachjustieren muss, das ist aber im engeren Sinne auch keine Bearbeitung. Die Live-Fotos bearbeite ich ganz wenig. Wenn ich aber eine Portraitsession mache, muss ich manchmal zwangsläufig bearbeiten, weil die Künstler dann sagen, dass sie die Falte gerne weg hätten, die würde sie stören. Da weine ich innerlich dann immer, weil ich total auf Falten und Linien im Foto stehe. Retuschieren? Ja, manchmal muss ich, aber ich bin kein Fan davon.

Das Publikum – deine erste Assoziation? Was ich schade am Jazz-Publikum finde, ist, dass es oft sehr verhalten, bisweilen sogar verkopft ist. Grundsätzlich zählt das Publikum zu meinen Freunden, weil es ein direkter Spiegel von dem ist, was auf der Bühne passiert. Als Fotografin, die nicht von einer Agentur, sondern direkt gebucht wird, fühle ich mich eher als Teil der Band und es ist total schön, die Reaktionen des Publikums zu spüren oder zu sehen. Dann bin ich auch immer ganz stolz auf die jeweilige Band. Und schließlich ist das Publikum natürlich ein Teil der Gesamtkunstwerks, was so ein Gig ist. Ein weiteres Organ in dem ganzen Gebilde. Ich versuche mich selbst möglichst unsichtbar im Konzert zu machen und keinen zu stören.

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Dietmar Liehr (45) beschäftigte sich während seines Grafikdesign-Studiums an der Fachhochschule Augsburg auch intensiv mit der Fotografie. Er spielt Jazz-Gitarre, unter anderem auf einer für ihn gefertigten siebensaitigen Archtop von Gitarrenbaumeister Stefan Sonntag. Auch beruflich hat er mit Gestaltung und Optik zu tun. Früher fotografierte er fast alles mit seiner rein manuellen Nikon FM2, am liebsten mit der 135 mm/f2,8 Festbrennweite. In den letzten Jahren greift Dietmar Liehr allerdings deutlich seltener zur Kamera, auch, weil er selber mehr spielen und bei Konzerten gerne konzentriert zuhören möchte. Dietmar Liehr hat noch viele Größen der klassischen Jazzstile vom Swing über Bop bis hin zum Freejazz fotografiert und sich lange Zeit ehrenamtlich in Augsburg für die Förderung des Jazz engagiert.  Seine Bilder – Stolen Moments – sind hier zu besichtigen https://www.icloud.com/photostream/#A45yeZFhXhymf   Und manchmal auch auf Seiten, von denen er noch gar nichts wusste. http://trikont.de/blog/wo-die-musik-spielt-das-hamburger-abendblatt-uber-das-theaterstuck-der-ghetto-swinger/#more-7060

Was fasziniert dich als Musiker an der Jazz-Fotografie?
Dietmar Liehr: Da muss ich erst erklären, was mich am Jazz fasziniert: Der Jazz ist eine der wenigen Kunstformen, die die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv auflöst. Ich selber spüre jedenfalls diese beiden Kräfte: Als Einzelkind gehe ich gern meinen eigenen Weg, bin aber gesellschaftlich auch gerne im Kollektiv eingebunden. Jazz gibt mir die Möglichkeit, das miteinander zu verbinden. In einer Band ist ja auch jeder ein Individuum, selbst wenn er nicht improvisiert. Letztlich improvisieren alle Bandmitglieder, egal auf welcher Position sie spielen, nur eben mit unterschiedlichen Freiheitsgraden. Im Jazz ist das Ganze mehr als die Summe der Teile. Dieses Verständnis fließt hoffentlich auch in meine Fotografie ein. Hinzu kommt, dass die Jazz-Fotografie mir sehr früh erlaubte, meine Begabungen als Musiker und bildgestaltender oder angewandter Künstler zusammenzubringen.

Musiker und ihre Instrumente – welche lassen sich besonders schwer fotografieren? Pianisten und Schlagzeuger. Schlagzeuger, weil sie sehr weit hinten sitzen und Pianisten, weil sie vom Instrument verdeckt werden. Außerdem sitzen sie oft am Bühnenrand im schlechten Licht. Bläser dagegen sind meistens gut zu fotografieren.

Wie entsteht ein gutes Foto? Durch Intuition.

Hörst du die Musik, während du fotografierst? Das ist eine schwierige Frage und vielleicht auch ein Grund, warum ich heute bei Konzerten viel seltener die Kamera raushole. Man versucht ja schon das, was für den Künstler im optischen Bereich typisch ist, zu erfassen und diesen Moment zu erwischen. Vermutlich höre ich dann auch die Musik, um zu wissen, wo’s hingeht. Es ist beides möglich: dass man sich so auf das Visuelle konzentriert, dass man die Musik aus dem Blick verliert, aber auch umgekehrt.

Bevorzugst Du Schwarzweiss oder Farbe? Viele Menschen verbinden Schwarzweiß mit Jazz-Fotografie aber ich stelle mir gelegentlich die Frage, ob das ein ästhetischer oder gelernter Reflex ist. In der Analogzeit hat man schon aus technischen Gründen Schwarzweiß fotografiert, weil anders die nötige hohe Filmempfindlichkeit gar nicht zu erreichen war. Deswegen hab ich damals auch nur Schwarzweiß fotografiert, heute aber farbig, weil die digitale Spiegelreflex-Kamera mir das erlaubt. Gelegentlich stelle ich auf Schwarzweiß und finde es dann aber fast manieristisch. Ich  bin da noch zu keinem abschließenden Urteil gekommen.

Schon mal über einen Kollegen geärgert? Ja, weil es Kollegen gibt, die es nicht draufhaben, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Stattdessen bewegen sie sich so, als wären sie beim Konzert die Hauptfigur. Eine Herausforderung bei der Jazzfotografie besteht ja darin, selbst möglichst wenig in Erscheinung zu treten und weder die Musiker noch die übrigen Zuhörer zu stören. Daher und aus ästhetischen Gründen gilt es auch, auf den Einsatz eines Blitzes zu verzichten und lichtstarke Linsen einzusetzen. Ganz wichtig: auf jeden Fall in leises Equipment investieren! Im Extremfall kann es bedeuten, dass man auf ein Bild verzichtet, weil die Musik gerade sehr leise, aber sehr intensiv ist und das Auslösegeräusch einfach nur stören würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich nicht immer so respektvoll war. Mein Flash kam bei einem Ron Carter Auftritt, das ganze Konzert war extrem leise. Streng genommen hätte ich an keiner Stelle ein Foto machen können. Am liebsten hätte ich damals eine Leica Sucherkamera gehabt! Jedenfalls hat sich bei mir ein Zuschauer beschwert, der sich vom Auslösegeräusch gestört fühlte, und das hat mir nachhaltig zu denken gegeben, der Mann hatte natürlich Recht.

Hast Du versucht,  von der  Jazz-Fotografie zu leben? Schon, aber gelungen ist es mir nicht! (Lacht). 1991 hatte ich im Birdland Neuburg eine Einzelausstellung. Obwohl viele Besucher die Bilder sehr schön fanden, konnte ich kein einziges davon verkaufen, dabei schien mir der Preis mit 120 DM pro Abzug jetzt nicht astronomisch hoch. Auch der Kontakt zu  den Buch-Verlagen blieb ohne Erfolg, die haben einfach schon zu viel Ähnliches im Programm. Später ist mir dann übrigens die komplette Mappe mit den Abzügen geklaut worden! Ich glaube aber, der Dieb war mehr an der Mappe interessiert. Wie sagt man? Gutes findet am Ende doch noch seine Abnehmer.

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Frank Schindelbeck (48) fotografiert seit 1986 Jazz-Musiker. Zwar übt er seine Leidenschaft professionell, aber nicht als Profession aus. Von Jazz-Fotografie zu leben sei in Deutschland praktisch unmöglich. Anders als viele seiner Kollegen mit Riesen-Zoom-Objektiven fotografiert er nahezu ausschließlich mit lichtstarken Festbrennweiten von Zeiss, ohne Autofokus und ist der inzwischen exotisch anmutenden Marke Pentax seit fast 30 Jahren treu. Frank Schindelbeck ist Macher der Portale JazzPages, Metropoljazz.de, Jazzfotografie.de und einiger anderer Webseiten und bloggt regelmäßig in seinem Jazz-Blog. Fotos von Frank Schindelbeck erschienen bislang auf CDs, in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen, unter anderem in der New York Times und der ZEIT sowie in Webpublikationen.

Du fotografierst schon sehr lange Live-Konzerte. Worin haben sich die Bedingungen für Fotografen gegenüber früher verändert?
Frank Schindelbeck: Bei den Konzerten bekannter Musiker und bei Festivals ist es unübersehbar, dass die Zahl der Fotografen deutlich zugenommen hat. Es gibt eine Flut von Bildern und das führt dann zwangsläufig auch zu relativ ähnlichen Ergebnissen. Andererseits ist es gerade dann interessant zu sehen: was macht der einzelne Fotograf aus der Situation? Im besten Fall sind fünf Fotografen am Werk und es kommen fünf doch sehr individuelle Bildstrecken heraus. Als Fotograf muss man seinen erkennbar eigenen Stil finden – das ist wie im Jazz: das Instrument ist letztlich egal, es kommt darauf an, was man heraus kitzelt…

Analog oder Digital – Deine Entscheidung? Heutzutage auf jeden Fall digital. Inzwischen haben die digitalen Spiegelreflexkameras eine Qualität, die analoger Fotografie überlegen ist. Gerade in der Live-Fotografie – beim Jazz, wo die Lichtverhältnisse oft sehr schwierig sind, also wenig und sehr kontrastreiches Licht – da holt man inzwischen mit aktuellen Kameras extrem viel raus. Heute haben die Sensoren Empfindlichkeiten von den man früher nur träumen konnte, die teilweise bis in den 6-stelligen ISO-Bereich gehen. Damit sind Fotos möglich, die früher nicht fotografierbar waren.

Gibt es so etwas wie den magischen Moment, wo der Fotograf eins wird mit dem Objekt? Das halte ich für übertrieben. Es gibt schon den magischen Moment in der Fotografie, wenn man den richtigen Zeitpunkt erwischt hat, das richtige Licht und wenn sich im Bild alle Details ideal zusammen fügen. Aber es ist nicht so, dass man dann einen Bogen schlägt zum Künstler, sondern das ist ein individuelles Erlebnis. Man muss natürlich sein Revier kennen und seine – ich sage mal metaphorisch – „Beute“ einschätzen können. Wie bewegen sich Musiker auf der Bühne? Was ist in den nächsten paar Sekunden zu erwarten – wenn man sehr viel live fotografiert, dann entwickelt sich dafür auch ein Instinkt.

Das Publikum – eine erste Assoziation? Man steht als Fotograf genau zwischendrin, also ich jedenfalls bin sowohl Publikum als auch Fotograf. Ich versuche mit dem Publikum gut auszukommen.

Schon mal über einen Kollegen geärgert und wenn ja, warum? Nein, konkret geärgert über Kollegen, das kann ich so nicht sagen. Es gibt Fotografen, die sind etwas nervig, weil sie ein bisschen zu oft auf den Auslöser drücken oder extrem hektisch durch die Gegend springen. Andererseits ist man selbst Teil der Horde und  tut gut daran, mit den andern etwas nachsichtig zu sein. In der Metropolregion Rhein-Neckar gibt es einen ziemlich festen Stamm von sehr professionellen Fotografen, die sich auch im Konzert dezent verhalten. Das Problem sind eher die Amateure, die als Fan zu einzelnen Konzerten gehen und dann fröhlich vor sich hin blitzen. Von den Fotografen, die das ernsthaft betreiben, setzt eigentlich keiner Blitz ein. Einer, über den ich mich geärgert habe, fällt mir doch noch ein! Vor vielen Jahren war ich bei einem Mangelsdorff Solo(!) – Konzert, bei dem ein Fotograf nicht nur herumgeblitzt hat, sondern zudem mit einem „Winder“ den Film transportierte – also ein motorischer Filmtransport zum nächsten Bild, mit einem lauten, widerlichen Geräusch. Das muss man erst einmal bringen – aber das war dann eben kein Jazzfotograf oder Kollege sondern ein Idiot mit Kamera (lacht).

Weißt du vorher, ob ein Foto gelungen ist? Grundsätzlich schon. Ich gehe oft aus Konzerten raus und weiß genau: wenn ich jetzt nicht irgendwie die Schärfe „verhauen“ habe, dann wird eine ganz bestimmte Aufnahme am Ende ein gutes Bild. Den  magischen Moment in der Dunkelkammer, wenn der Barytabzug aus der Fixierbrühe gefischt wird, den gibt es nicht mehr so intensiv aber es ist doch eine große Freude die Bestätigung am Bildschirm zu sehen.

Dein größtes Versäumnis als Jazz-Fotograf? Mein größtes Versäumnis als Jazzfotograf war – noch zu Schulzeiten – als mich ein Freund fragte, ob ich ihn nach Stuttgart begleiten wolle, dort würde ein gewisser Chet Baker auftreten. Ich habe mich damals noch nicht genug für Jazz interessiert und bin deshalb nicht mitgefahren und ein paar Wochen später ist Chet dann in Amsterdam aus einem Hotelfenster gefallen. Die Chance, Chet Baker zu fotografieren, habe ich verpasst – aber man kann sich in solchen Fällen damit trösten, dass vermutlich die Entfernung zu groß gewesen wäre oder das Licht unterirdisch schlecht…

Die Fragen stellte Elvira Steppacher