Archiv der Kategorie: Legendäre Zitate

„Too fat for a white tuxedo!“ Ein Treffen mit Jazztrompeter Bobby Shew.


Alle wirklich wichtigen Fragen sind kurz: „Willst Du mich heiraten?“, „Hat der Wagen noch TÜV?“ oder “ Wie war ich?“  In meinem Fall reichten zwei Worte, um erhöhtes Interesse auszulösen. „Schon gesehen?“

Es ist Montag, der 14. September, 21.30 Uhr. Das Handy kündigt eine SMS an: „Schon gesehen?“ schrieb ein befreundeter Posaunist. Noch bevor ich Zeit fand zu überlegen, was er meinen könnte, das nächste „Pling“, diesmal ein Bild. Ein konzentriertes Gesicht, die Augen hinter der Brille geschlossen, der Kapitän Hansen-Bart von einem Stück Metall leicht auseinander gedrückt: „Bobby Shew in Europe 2015“ steht unter dem Poster und „Trompeten Masterclass“  für 10 Euro. Das ist mal `ne Ansage.

Plakatwerbung von Just Music für die Bobby Shew Masterclass

Plakatwerbung für die Bobby Shew Masterclass in München.

Sofort buche ich einen Platz. Bobby Shew zählt zu den großen Trompetern des Jazz. Außerdem hat er zu einem der bekanntesten Anfängerbücher – Maiden Voyage – ein Play-Along eingespielt. Es enthält Soli zu berühmten Stücken wie Autumn Leaves oder Summertime. Jeder Track existiert doppelt, einmal mit, einmal ohne Bobby Shews Trompete. Dort, wo nur die Rhythmus-Gruppe zu hören ist, soll man selbst nachspielen. An der „Jungfern Fahrt“ übe ich schon ewig. Bobby weiß das natürlich nicht. Er weiß auch nicht, dass ich manchmal überhaupt nur deshalb weitermache, weil er so schön klingt. Bobby spielt alle Linien mühelos, ich nicht.

Und nun also: der Meister live, ein Autodidakt, der als Studiomusiker so ziemlich alles – außer Klassik – gespielt hat. Er hört klassische Musik sehr gerne – aber er mag sie nicht spielen, wie er später kokett bekennt. In der Klassik seien alle Töne so kristallklar und schön. Das reize ihn einfach nicht. Als wolle er beweisen, dass er nicht nur wisse, wovon er rede, sondern es auch könne, gibt er trotz harter Erkältung eine kurze Kostprobe. Sofort verwandelt sich der schnöde Vortragsraum mit abgehängter Decke in eine klingende Kathedrale. Für Sekunden strahlt der kosmische Glanz barocker Ordnung über uns Zuhörern. Rund 40 Trompeterinnen und Trompeter – darunter Amateure, Semi- und Vollprofis – werden andächtig still. Bobby selbst bricht das Schweigen, indem er gesteht, er habe von Anfang an immer Jazz spielen wollen. Seine großen Vorbilder sind die Meilensteine auf dem Weg der Jazzentwicklung. Das Kirchenschiff verdampft zur Jazzkneipe. Ragtime, Swing, Dschungle, Bebop, Cool Jazz – all das rauscht im Zeitraffer durch den Saal.

Jazztrompeter Bobby Shew bei Just Music in München während eines Meet and Greet Vortrags

Jazztrompeter Bobby Shew bei Just Music in München während eines Meet and Greet Vortrags (Foto: Elvira Steppacher)

Jetzt ist das Auditorium für die eigentliche Masterclass bereit. Uns steht ein dreistündiger Vortrag ins Haus, der nur selten von Musik unterbrochen wird. Wohl von Gelächter, denn Bobby ist ein kurzweiliger, unterhaltender Erzähler mit einer gehörigen Portion Selbsthumor. Ihn wundert es anscheinend wirklich, dass so viele Leute seinen Ausführungen lauschen, zumal die Essenz auf ein Flip Chart passe. Dennoch, sein übersichtlicher vier-Punkte-Plan reiche für ein ganzes Trompeter-Leben. Wenn man es richtig und ernsthaft angehe.

  1. Lippengefühl/und –Kontrolle.
  2. Bauchatmung (kombiniert mit Joga-Atmung)
  3. Ansatzkontrolle
  4. Mundstück

Während seiner Ausführungen wird deutlich, dass Bobby gerne Lehrer ist, er aber nichts davon hält, sich als Guru aufzuspielen. Das meiste beruhe ohnehin auf physikalisch-mathematischen Grundlagen – wer die beherzige, mache schon mal ziemlich viel richtig, der Rest sei Psychologie, und die passe nun definitiv nicht auf ein Chart.

“You can impress people to make you like you…” So peu à peu schält sich heraus, dass es neben dem Flipchart mindestens drei weitere Aspekte sind, die Bobby Shews Selbstverständnis als Lehrer und seine Auffassung von der wahren Bedeutung von Musik veranschaulichen.

  1. Das wichtigste sei der erste Ton. Solange der nicht stimme, brauche man gar nicht weiterzumachen. Denn das, erklärt er bestimmt, zugleich mit sichtlichem Gefallen an der Einprägsamkeit des Bildes, denn das sei wie mit Hundescheiße. Solange man die Füße nicht wirklich vom Dreck säubere, stinke jeder weitere Schritt.
  2. Das Zweitwichtigste sei von Anfang an musikalisch zu denken. Lange Töne, um der langen Töne willen? Papperlapapp – spielt Balladen, die enthalten lange Töne genug! Bobby setzt zu „My funny Valentine“ an, die Zuhörer schmelzen und erkennen doch, dass grade jemand betont lange schöne Töne ‚übt ‘.
  3. Das Dritte sei Bescheidenheit. Wer mit dieser Haltung an das Spiel und das Leben gehe, komme weiter als jene, denen es in erster Linie um eines ginge: „ to further on their own Egos. Bobby schönster Satz an diesem Nachmittag: “You can impress people to make you like you or you can touch people and make them like music.”

Dazu passt dann auch seine Schlussanekdote: Vor einiger Zeit erreichte Bobby ein verführerisches Angebot. Für 10.000 Dollar werde er nach eingeflogen, dort sollte er auf der Hochzeit der Tochter eines reichen Mannes aus Virginia vorne am Altar „Here comes the bride“ spielen. Ein weißer Smoking werde für ihn gefertigt, anschließend könne er ja mit der lokalen Band für zwei, drei Stündchen ein bisschen Tanzmusik spielen. Ob das Okay für ihn sei? Bobby, der sich bei der genannten Gage bereits im Siebten Trompeten-Himmel wähnte antwortete: „I am sorry, Sir. I am very flattered that you thought about me and your Offer of 10,000 Dollars is more than generous but you know what: I don’t know how „Here comes the bride“ , I am too fat for a white tuxedo an I don’t know tunes for dancing. I only know Charly Parker stuff. Click.”

 

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You can make a pretty fucking great noise

 

„You can make a pretty fucking great noise when you are part of the horn section.“ Nick Hornby, Schriftsteller

(aus: Not a Star, Berlitz Publishing 2009, S. 13)

 

But you have to got style in whatever you do

 

„But you have to got style in whatever you do – writing, music, painting, fashion, boxing, anything“.
Miles Davis, Trompeter

 

(aus: The Autobiography with Qunicy Troupe, Picador 1990, S. 179) . Und dazu ganz lässig lesen:  Coolness. Über Miles Davis. Von Tobias Lehmkuhl, Rogner & Bernhard, 2009

http://www.rogner-bernhard.de/titles/show/431
http://www.titel-magazin.de/artikel/186/6366/tobias-lehmkuhl-coolness-%C3%BCber-miles-davis.html

Ich mag keine laute Musik, weil mir dann die Ohren wehtun


„Ich mag keine laute Musik, weil mir dann die Ohren wehtun. Es ist einfach eine Tatsache, dass schnelle Phrasierungen, schnelle Artikulationen leiser leichter und genauer zu spielen sind. Ein großer Stein ist schwerer zu rollen als ein kleiner.“ 
Albert Mangelsdorff, Posaunist

(aus:  J.E. Behrend:  Ein Fenster aus Jazz, S.70)

Wenn jemand so angestrengt jemand anderer sein will

„Wenn jemand so angestrengt jemand ander sein will, hört man davon auch etwas an seiner Musik.“ Sidney Bechet, Saxophonist, Klarinettist, Komponist (über den Klarinettisten Mezz Mezzrow)

(aus: Jazz-Lexikon von Martin Kunzler, Rowohlt 1988,Bd. 2,S.789)

Solche Musik ist ein Grund neu zu leben


„Solche Musik ist mehr als eine neue Kunstform. Sie ist ein Grund, neu zu leben.“
Blaise Cendrars, Imker, Fremdenlegionär, Schausteller, Schriftsteller

(aus:  J.E. Behrend:  Ein Fenster aus Jazz, S. 7)