Flieg, Voglerchen, flieg…

Thomas Vogler begrüßt jeden Gast in der Rumfordstraße 17 mit einem sonoren „‘n Aaabend“, wobei die Länge des „A’s“ anzeigt, wie gut oder lang er die Gäste kennt.  Der Inhaber der gleichnamigen Jazzbar  polarisiert ordentlich in der Münchner Szene. Sein Humor ist mindestens so ausgeprägt wie sein Starrsinn, wovon auch die Staats-Regierung, die GEMA oder die Lufthansa ein Lied singen könnten. Aber bitte nur bis um 24 Uhr, danach dreht Vogler rigoros ab. Hin und wieder schockt er seine Leser, indem er androht die legendäre Jam-Session am Montag einzustellen. Dabei ist die so wenig wegzudenken wie sein wöchentlicher Newsletter. Mittwoch, 34 Grad im Schatten, High Noon – höchste Zeit für Jam-Radar, dem Herrn Vogler eine frische Brise zu wünschen – und Gäste, die coolen Jazz auch im Sommer unverzichtbar finden.

Thomas Vogler mit Tom Reinbrecht by Lena Semmelroggen

Thomas Vogler, Inhaber der Jazzbar Vogler in München (im Hintergrund: Saxophonist Tom Reinbrecht). Herzlichen Dank an die Fotografin Lena Semmelroggen von Smashing Snapshots (Alle Rechte vorbehalten).

Ein Wirt,  der Editorials schreibt – ungewöhnlich! Ich habe als Journalist ange- fangen, war unter anderem mal Nachrichtensprecher. Meine Stimme klingt angeblich ganz gut im Radio, aber ich wurde die Nervosität am Mikro nicht los. Einmal las ich statt: „Bagdad“: „Bhagwan“ – und bekam einen Lachanfall. Das war‘s dann, weshalb ich mich immer mehr in Richtung PR, Kommunikation, Marketing entwickelt habe.

Dein Weg zur Jazzbar? War ziemlich krumm. Ich hab nach meinen
journalistischen Versuchen z.B. für einen Erlebnispark und einen Verlag gearbeitet, wurde aber nicht glücklich dabei. Jedes Mal, wenn ich in einem guten Club saß, habe ich, wie wahrscheinlich jeder, rumgesponnen und gedacht, das wär‘s doch – aber meine Realisierungs-Chancen waren so ähnlich wie „Vogler fliegt zum Mond“. Über eine Freundin kam ich der Sache dann näher und
begann mich – erst einmal erfolglos – bei Brauereien zu bewerben. Ich hatte den Plan schon aufgegeben und meine Unterschrift unter einen Vertrag vom „Nürburgring“ gesetzt, als das Angebot der Spaten-Brauerei kam.

Was bot man dir an? Ein großes Lokal in der Rumfordstraße 17. Der Laden war damals eine Leiche: Ich war der sechste Wirt in zehn Jahren. Irgendwann war allerdings auch mal ein Grieche drin, der immer wieder Live-Musik anbot. Ihm verdankt die Jazzbar Vogler die Konzession für Live-Musik. Das war natürlich in der Lage ein Sechser im Lotto [die Rumfordstraße liegt neben dem Viktualienmarkt].  Der zweite Sechser: Die Spaten-Brauerei als Partner. Wie in jeder guten Ehe hatten wir zwar auch mal unsere Probleme – aber das gehört dazu.

Du hattest also von Tuten und Blasen keine Ahnung – wie kamst du an die Musiker? Stimmt. Ich hatte noch nie in der Gastronomie gearbeitet und kannte keinen einzigen Musiker. Aber ich hatte noch mal Glück: eine sehr gute Freundin wohnte zufällig neben dem bekannten Jazzgeiger Hannes Beckmann, dessen Quartett spielte dann die ersten beiden Abende bei mir. Über Beckmann kam die Verbindung zu dem Bigbandleader und Schlagzeuger Harald Rüschenbaum sowie dem Pianisten Joe Kienemann. Kennst Du einen – kennst Du alle. Der Besucherandrang zur Eröffnung am 31. Juli 1997 war sensationell, mein alter PR-Verteiler hatte funktioniert, aber ab 1. August wurde es schlagartig heiß und mich hat eiskalt das Sommerloch erwischt. Ich hatte zwar schon jeden Abend Live-Musik, unter anderem mit den Pianisten Tizian Jost oder Edgar Wilson, aber verkaufte höchstens drei Bier – pro Abend. Es war: leicht frustrierend.

Wie kam es zu den Jam Sessions? Das war eine Anregung von Hannes Beckmann, der meinte, so was brauche man in jeder guten Jazzbar. Damals hatte ich noch sieben Tage die Woche auf, Montag war mein schwächster Tag, also, dachte ich, warum nicht? Der Posaunist Hermann Breuer hat die Sessions dann am Anfang geleitet, Breuer gemeinsam mit Beckmann sind also gewissermassen die „Väter“ der Vogler Jam-Session.

Vogler-Kondom

Werbemittel: Kondomverpackung

Ziehen Jam Sessions eher Stamm- oder neue Gäste? Sowohl als auch. Die Jam-Session hat ein ganz eigenes Publikum, das die anderen Konzerte so gut wie gar nicht besucht. Und: Es ist ein sehr junges Publikum, was für München ungewöhnlich und für den Jazz gut ist, weil es neue Zuhörer für die Musik begeistert. Im ersten Set, das ich buche, ist das Niveau hoch wie bei einem Konzert, danach wird’s naturgemäß schwankend. Aber es gibt auch Highlights, weil grade unglaublicheMusiker in der Stadt sind, die unverhofft reinschneien.

Neulich warst du kurz davor, die Jam-Session zu killen – warum? An keinem andern Abend muss ich so viel vor dem Lokal sein, um für die Ruhe meiner Nachbarn zu sorgen. Es ärgert mich, dass ich  immer wieder die gleichen Musiker mit ihren Getränken reinbitten muss – das „Vogler“ hat nun mal keine Freischankfläche. Es gibt bestimmte Regeln, nach denen sich alle – ich und die Musiker richten müssen. Das „Vogler“ liegt in einer Wohngegend, und ich kann nicht wegen der Session den Bestand der Jazzbar insgesamt gefährden.

Schon mal an elektrische Lärmanzeiger gedacht? Ich find‘s eigentlich überflüssig, denn das Problem existiert ja die ganze Woche nicht. Bitte, ich will kein Musiker-Bashing machen, aber es sind fast ausschließlich Musiker, die sich viel draußen auf- und unterhalten. Sicher auch, weil sie  gerne rauchen und sich selten sehen. Aber seit der Zwangs-Pause funktioniert es viel besser, ich bin optimistisch – wie immer.

Wie komplimentierst du renitente Gäste raus? Es kommt selten vor, aber meistens hilft eine direkte Ansprache.

Welche Musik hörst du außerhalb deiner Bar,  im Auto oder zuhause? Ich hab kein Auto und höre in meiner freien Zeit ganz wenig Musik. Wenn ich in der Früh nachhause komme, falle ich ins Bett, wenn ich zuhause arbeite, muss ich mich konzentrieren. Wenn ich allerdings Musik höre, dann breit gefächert: Ich gerne mal in die Oper, höre auch mal Rammstein, auf dem Land auch gerne bayerische Volks-Musik und und und – und: natürlich: Jaaaaaaazz.

Welche drei Eigenschaften, sind für den Gastronom unverzichtbar? Ein ehemaliger Chef hat mal gesagt, Vogler, du brauchst für alles die drei  B’s: Biss, Bewusstsein, Begeisterung. Besser kann man es nicht formulieren.

Was nervt an deiner Arbeit? Es ist ein unglaublicher Knochenjob mit einem völlig konträrem Lebens-Rhythmus und: der Kostendruck wird immer größer, aber ich hab nur wenig Möglichkeiten, das aufzufangen – das Bier kann ja nicht plötzlich fünf Euro kosten. Dadurch muss ich immer fast alles selber machen, vom Putzen über den Einkauf über das Booking über das Büro über das nächtliche Arbeiten – das macht alles nicht gerade einfacher – und jünger werde sogar ich nicht.

Warum ist es trotzdem der schönste Job für dich? Ich hab noch nie so viel wie in den letzten 16 Jahren gearbeitet, noch nie so wenig verdient – und noch nie so viel Spass gehabt. Meine Prioritäten waren früher andere, früher wollte ich in der PR und im Marketing „wichtig“ sein – das hat sich gedreht.

Thomas Vogler mit Nina Michelle und Nirit Sommerfeld_by Lena Semmelroggen

Na bitte, geht doch: Vogler und die Sängerinnen. Küsschen von der Kanadierin Nina Michelle (lks.) und der Israelin Nirit Sommerfeld bei „Jazz gegen Rechts“. Dank an Lena Semmelrogen für die Überlassung der Fotos (alle Rechte vorbehalten)

Stichwort Sängerinnen…? Sängerinnen?! Ich weiß, worauf Du anspielst, es heißt immer wieder, ich mag keine Sängerinnen
auf den Jam-Sessions. Das ist aber Quatsch. Wie so vieles, was über mich erzählt wird. Was ich nicht mag, sind schlechte Sängerinnen. Das beziehe ich aber genauso auf schlechte Sänger, Trompeter, Schlagzeuger, Saxophonisten etc. Und manchmal grenzt einfach manche Performance an Körper-Verletzung.

Bist du schon mal in der Gefahr gewesen, dem Alkohol zu verfallen? Ich?! Nein. Wenn ich arbeite, trinke ich nie, vielleicht mal Sonntags ein Glas Wein oder auch zwei.

Jazz gegen Rechts„Jazz gegen Rechts“, der Fall Mollath… du bist du mehr und mehr politisch aktiv. Warum? Es Es war mir schon immer ein Anliegen, aber ich hab‘s am Anfang nicht so forciert. Ich lebe in einer sehr privilegierten Situation, bin „bei der Lotterie des Lebens“ hier in München runtergeplumpst, bin hier geboren und nicht z.B. in einem Slum – und dieses Glück ist mir sehr bewusst. Daher versuche ich Menschen, denen es nicht so gut geht, ein wenig mit meinen bescheidenen Mitteln zu helfen, sei es durch Benefizabende, sei es durch Petitionen, sei es über meinen grossen Verteiler, den ich als Multplikator nutze.

Du warst Schüler im Kloster Ettal, bist katholisch erzogen, und in Bayern ohnehin christlich sozialisiert. Warum bist du gegen das Musikverbot an Karfreitag? Ich find‘s schade, dass die Politik den Menschen einerseits im 21. Jahrhundert vorzuschreiben versucht, was sie zu glauben haben, andererseits aber nicht bereit ist, die gleichen Feiertagsrechte für andere Religions- oder Glaubens-Gemeinschaften bzw. Atheisten einzuräumen. Ich find das diskriminierend. Hinzu kommt, dass ich die ersten zehn Jahre lang ohne jegliche Probleme an Karfreitag Musik spielen lassen durfte: Joe Kienemann, Sohn eines Pastors, hat viele Jahre sehr sensibel Kirchenlieder bei mir verjazzt, das Programm wurde also dem Tag absolut gerecht. Aber im 11. Jahr war plötzlich alles anders: Das KVR schickte die Polizei, es gab einen Bussgeld-Bescheid über 528,- Euro und, natürlich, kam es zu einem Prozess. Grund für das Ganze: Die Regierung von Oberbayern hatte dem Kreisverwaltungsreferat (KVR) kurz vor Karfreitag ein Schreiben geschickt, das absolute Musikverbot in Schankräumen müsse unbedingt eingehalten weren. O-Ton KVR: „Da haben wir gewusst, dass wir etwas wissen müssen.“ Besser hätte es auch Karl Valentin nicht formulieren können.

Du hast einigen Musikern Hausverbot erteilt: Macht oder Ohnmacht? Weder noch: Konsequenz. Der betroffene Musiker sieht es sicher anders. Aber nochmal: Ohne Regeln kann kein Club überleben. Es gibt in jedem Bereich Menschen die glauben, sie können tun und lassen, was sie wollen. Ohne Rücksicht auf andere, nur um das eigene Ego zu befriedigen. Und manchmal hilft dann halt nur: Ein Hausverbot. Aber das ist, Gott sei Dank, selten.

Das Gespräch führte Elvira Steppacher

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Eine Antwort zu “Flieg, Voglerchen, flieg…

  1. Thomas de Lates

    Klingt für jeden, der noch nicht bei TV war, schön informativ. Für jeden Insider hingegen grenzt diese „Reportage“ zuweilen an Hofberichterstattung. Könnte vom PR-Mann Vogler selbst verfasst sein.
    Aber so ist das nunmal bei Interviews: Was die Zielperson nicht ausdrücklich absegnet, wird nicht veröffentlicht. Angesichts dessen lohnt sich natürlich auch ein Nachhaken nicht, das an manchen Stellen durchaus angebracht – und vielleicht sogar aufschlussreich gewesen wäre gewesen wäre. Schade!

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