Musik zum Anschauen – Jazz und Fotografie

Freddie Hubbard 20002 im Birdland, Neuburg by Dietmar Liehr

Freddie Hubbard 2002 bei einem Konzert im Jazzclub „Birdland“ in Neuburg an der Donau.  Vielen Dank an den Fotografen Dietmar Liehr (alle Rechte vorbehalten c/o dietmar.liehr@liehrdesign.de)

Jazz ist eine Kunst des Augenblicks. Genau wie die Fotografie. Wer im richtigen Moment klickt, erzeugt ein Paradox.  Zeit, Raum und Motiv sind fixiert, aber ihre jeweilige Energie pulsiert fort. Daher weist ein gelungenes Foto über das, was auf ihm zu sehen ist, weit hinaus. Es eröffnet eine weitere Dimension jenseits der physikalischen Zwei- oder optischen Dreidimensionalität.  Von Fotos kann eine magische Kraft ausgehen, die berührt oder erschreckt. Man versteht plötzlich, was es mit der Bilder-Scheu einiger Völker auf sich hat. Ein gutes Foto bannt etwas vom Wesen oder von der Seele des Fotomotivs, hält es fest, obwohl dieses, wie alles Lebendige, im Fluss ist und weiterwill in der Zeit.  Fotografische Sequenzen, fast schon an der Nähe zum Film, passen daher sehr gut zur Musik-Fotografie, obwohl sie leider immer seltener abgedruckt werden. (1)

„Et il faut voir le jazz autant que l‘ écouter. Absolutment.“
Stimmt, Guiseppe Pino! (G. Pino zählt zu meinen Lieblings-Fotografen). Außerdem vermitteln gute Jazz-Fotos etwas vom seltenen Glück der Synästhesie. Wer das Spiel ‚seiner‘ Musiker kennt und ihre Sprache versteht,  s i e h t  Musik. Durch den optischen Eindruck vermittelt sich etwas vom Geist der Musik, von dem, was sie uns sagen kann, auch wenn sie gar nichts bezeichnen will. Igor Stravinsky: „I said somewhere that it wasn’t enough to listen to music, you also have to see it“. (2) Was Jazz-Musiker deutlich von Pop-Musikern unterscheidet, ist der viel stärkere physische Einsatz und Körper-Ausdruck  in ihrer Kunst.  Egal, ob als Sänger oder Instrumentalist, wer seine individuelle musikalische Sprache finden will, braucht Mut, sich der eigenen Persönlichkeit zu stellen. Wer bereit ist, in einen ungewissen musikalischen Reifungs- oder Vertiefungsprozess einzutreten, kann diesem künstlerischen Selbst ein authentisches Gesicht und einen eigenen Klang geben. Lust, Zweifel, Ausdauer, Krisen, Anerkennung, Rückschläge, Versagens-Ängste, Erfolge … Über viele Jahre praktiziert, hinterlässt all dies Spuren:  in der Mimik, der Haltung, der Körpersprache, der technischen Charakteristik und schließlich der künstlerischen Aussage. Natürlich gibt es auch im Jazz Vorbilder, die jemand imitiert, doch die Gefahr der Pose oder des konfektionierten ‚Selbst‘-Ausdrucks ist deutlich geringer. Die der Selbstvergessenheit höher. Das macht Jazz-MusikerInnen zu  interessanten Fotomotiven.

„The music is you.“  (Sun Ra)
William Claxton, damals noch Student der Fotografie, erinnert sich an die legendäre Jam-Session im Tiffany-Club , in der Charly „Bird“ Parker einen Trompeter für sein Quartett suchte: „[Wir] fragten bei Bird an, ob ich ihn während des Sets, den sie gerade spielten, photografieren dürfte, und er gab uns mit einem Kopfnicken sein Okay. Mit verschiedenen Musikern jammte er bis drei Uhr in der Früh“. Gefragt, warum er ausgerechnet Chet Baker ausgewählt habe, antwortete er kurz und knapp, Chet blase „‘n bißchen leise und sanft, aber doch ehrlich und direkt“.

Zauberei oder er hat das Foto-Gen!
Bald darauf wurde Claxton mit den Fotos des jungen Chet Baker berühmt, fotografierte regelmäßig beim legendären Lable „Pacific Records“ und wirkte stilbildend für die Cool-Jazz-Fotografie. Wie Ikonen haben sich Claxtons Schwarz-Weiß-Bilder in das visuelle Gedächtnis nicht nur der Nachkriegsgeneration eingeprägt. Natürlich stehen sie in der Tradition der berühmten Vorgänger der Jazz-Fotografie: Ray Avery, Rolf Ambor, William Gottlieb, Francis Wolff, Rainer Rygalik… Es reicht eine kurze Beschreibung schon sieht man ihre  Bilder – z.B. John Coltrane rauchend, sein Tenorsax auf den Knien oder Lester Young und Lady (Holi-)Day flirtend im Studio usw. usw.  – Auch wenn die Schwarz-Weiß-Fotografie vermutlich überwiegt, spätere Fotografen wagten sich zum Glück auch an Farbe und produzierten wahre Farbräusche, um die Expressivität der gehörten Musik einzufangen. Bei einigen Musikern fällt es leichter, ein gutes Foto zu machen, als bei anderen. Eine Beschreibung Claxtons über den jungen Chet mag das illustrieren: „Nach dem ersten Abend im The Haig beeilte ich mich, nach Hause in die Dunkelkammer zu kommen. (…) Alle vier Musiker [des Gerry Mulligan Quartetts] sahen gut aus. Chico Hamilton war gradezu ein Bild von einem Mann. Aber das Gesicht, das wirklich hervorstach, gehörte dem jungen Trompeter Chet Baker. Als die Bilder im Entwicklungsbad (…) langsam Gestalt annahmen, ging von Chets Gesicht ein Zauber aus – der Traum eines jeden Fotografen – ein photogenes Gesicht!“(3)

Das Gespür für Musik beeinflusst die Fotografie
Einige Jazz-Fotografen sind auch Musiker. Man könnte meinen, dass sie automatisch das bessere Gespür haben, wann der richtige Moment für ein Bild gekommen ist. Womöglich achten sie aufgrund ihrer eigenen Spiel-Erfahrung auch stärker auf besonders bildstarke instrumentale Momente. Und doch gibt es keine zwingende Logik zwischen der eigenen Spielpraxis und der Güte der Fotografie. Es sei denn, man betrachtet die Kamera selbst als  Instrument. William Claxton, selbst kein Musiker, erkannte die innere Verwandtschaft beider Künste: „Jazz ist musikalische Improvisation; er ist die Kunst des Augenblicks.“ Wichtiger als Spielpraxis  erscheinen indes die Fähigkeit zur Intuition oder Sympathie eines Fotografen, um sensibel für die Dynamik einer Situation zu sein. So lobt der Trompeter Tim Hagans an Jimmy Katz, dem Haus-Fotografen des Blue Note Lables:  „Most photographers I’ve worked with, they come in (…) and they try tob e creative and they do a good job, but Jimmy has a special talent for waiting and finding that exact moment that describes the music that’s beeing mad on that, session“. (4)

Hier gibt’s weiteren Schmökerstoff und natürlich – Bilder, Bilder, Bilder! Ganz unter ein Link zum Jazz-Institut Darmstadt mit einem Verzeichnis zahlreicher Jazz-Fotografen.

[Anmerkung 24.9.012: Bitte auch die Kommentarspalte rechts ansehen, dort weitere sehr sehr schöne Links von Lesern!]

Berendt, Joachim Ernst: Photo-Story des Jazz, Frankfurt 1978

http://www.jazzphotos.com/
http://memory.loc.gov/ammem/wghtml/wghome.html
http://www.ctsimages.com/ctsimageshome.htm
http://www.cooljazzphotos.com/ARTISTS-GALLERY
http://jazztimes.com/community/profiles/113-jimmy-katz
http://www.creutziger.de/works/jazz#5
http://www.slojazz.net/
http://www.jazz-photo.com/

http://www.michaelhuber.at/assets/Archive/05JazzfotografieCoverstory.pdf

http://www.jazzzeitung.de/jazz/2002/04/jh-foto.shtml
http://www.benediktpictures.com
http://www.jazzfotosneu.at.m2301.wwwsrv.eu/index.php
http://www.jazzinstitut.de/Wegweiser/Journalist.htm#Foto

(1)      Eine unverhoffte, großartige Ausnahme bot das SZ-Magazin anlässlich einer Rammstein Tournee (6. July 2012). Vermutlich kein Zufall, dass Rammstein ein ähnlich kompromisslose Haltung zur ihrer Musik wie Jazz-Musiker haben.

(2)      Guiseppe Pino: Jazz my Love, Vade Retro Verlag, 2003 (o.p.)

(3)  William Claxton, Yong Chet, München, Paris, London 1993

(4) Joe Lovano: The cat with the hat, 2001 Verlag, 2012, S. 81

Advertisements

9 Antworten zu “Musik zum Anschauen – Jazz und Fotografie

  1. Danke für diesen wirklich sehr schönen Artikel. Es freut mich sehr, dass es Menschen gibt, die sich nicht nur mit dem Jazz und den Musikern, sondern auch mit ihren ständigen Begleitern und deren Arbeit beschäftigen.

    @ Dietmar: Ist immer wieder sehr inspirierend Deine Bilder zu sehen !!

    Als Ergänzung zu der schon sehr umfangreichen Liste möchte ich noch meine Sichtweise zum Thema Jazz und Fotografie beitragen http://www.jazzpixel.de mit vielen Fotos in den Galerien und meinem Fotoblog

    Viele Grüße aus Augsburg
    Hebbe

  2. Hier eine Seite mit den ganz phantastischen Jazz-Portraits von Jörg Alisch:
    http://alisch.trilithium.de/jazzportraits/a_portraits_table.htm
    Und nochmal Fotos:
    http://www.jazzpages.com/jazz-photo.htm

  3. Frank Haschler empfiehlt noch (per mail)
    „für mich sehr sehr schön ist William Caxton’s „JAZZ SEEN“ (Fotografie),aber auch aus dem TASCHEN-VERLAG die Co-Produktion Claxton-Behrendt „JAZZ LIFE“, ist aber sehr groß und schwer – und hat viel Text (recht gut).

    Doch mein Favourite, auch vor allem von der zu lesenden, irrsinnigen Story her, der Idee und den Bildern ist „THE JAZZ LOFT PROJECT“ von Sam Stephenson, Verlag http://www.aaknopf.com
    oder http://www.randomhouse.com/book/search/search.php?title_subtitle_auth=jazz+loft&x=0&y=0

    Danke, Frank!! Lieber Gruß Elvira

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s