Real Book, Bibel der Jazzer (Teil 1)

Die Tune-Dex-Cards waren nur 3×7 Zoll klein. Sie sind die Mutter aller real exi- stierenden Real Books. Erfunden hat sie  Mr. George Goodwin, der sehr rechschaffenene Programmdirektor bei W S B, einer Radio-Station in Atlanta, GE.     c/  Kevin Fleming

Das Jazz-Standardrepertoire findet sich im Real Book.  Ein ominöser Name, zu dessen Entstehung mehrere Hypothesen existieren:  Einige vermuten, dass eine profane lautliche Verwechslung mit dem Reelbook, jener Sammlung von schottischen und irischen Volkstänzen vorliegt. Auf Englisch heißt to reel  „taumeln, wirbeln, aufspulen“, ein Reel ist aber auch eine Papierrolle (bzw. Film- oder Kabel- Rolle oder Garn-Spule). Hier wurzelt das showreel, ein Demoband, auf dem Musiker Stücke bei Verlagen oder zu Wettbewerben einreichen. Der Historiker Mike O‘ Malley schreibt in seinem Blog The Aporetic, dass sich das Real im Namen der Sammlung ironisch von den zahlreichen falschen Akkorden in den zuvor existierenden Fakebüchern abzugrenzen versucht http://theaporetic.com/?p=1094 . Ein Qualitätssiegel mit Augenzwinkern, wenn man so will, schließlich finden sich auch im Realbook noch Transkriptionsfehler. Was sind überhaupt Fake Books ? Diese illegalen, von Hand erzeugten Lied-Abschriften kursierten in Lose-Blatt-Sammlungen während der 30er und 40Jahre. Barry Kernfeld hat in The story of fake-books. Bootlegging Songs to Musicians erforscht, wo sie herkamen.

Jetzt geht’s auch endlich mal mit rechten Dingen zu: George Goodwin,  Programm-Direktor der WSB- „Welcome South, Brother“ – Radiostation in Atlanta, Georgia, erfand 1942 die „Tune-Dex-Cards“ . Das waren etwa 7,8 x 12,7 cm kleine Karteikarten (engl. Indexcards) mit den wichtigsten Angaben zu populären Songs:  Auf der vorderen Seite standen Melodie, Liedtext, Akkordsymbole, hinten Komponist, Texter, Verlag –  und Preisangaben für die zu kaufenden Noten. Goodwin hatte seinen eigenen Firmennamen – „Tune-Dex Inc.“ – als Trademark eintragen lassen und befand sich mit der Nutzung seiner Karten bis 1963 immerhin 21 Jahre auf der legalen Seite. Er konnte sich das Copyright von den Lizenzinhabern für seine Dex-Cards einholen, weil er sie nur als handliches Hilfsmittel im Studio während der Radio-Live-Recordings oder zur Absprache von Playlists einsetzte. Außerdem war er 1948 mit dem Pulitzer-Preis für seine Leistungen beim Atlanta Journal ausgezeichnet worden (das zur WSB-Radiostation gehörte). Sein Name stand also für Seriosität. Man darf nicht vergessen, dass die Rundfunkstation ab den Dreißigern erheblich an Bedeutung gewannen, weil in den Zeiten der Depression die Schallplattenproduktion stark zurückging und auch die Broadwayshows weniger Publikum verzeichneten (vgl. Ekkehard Jost, Sozialgeschichte des Jazz, 2001-Verlag, S. 89f).

Vermutlich aufgrund einer Vorgabe der Rechteinhaber oder aus Selbstschutz druckte er auf seine Karten „Warning! This copy is  intended for PROFESSIONAL use ONLY, an anyone found reselling it will be prosecuted under the copywright law oft he copywright owners.“ http://homer.gsu.edu/blogs/library/2010/10/13/popular-music-tune-dex-cards/tunedex/

Fast unsichtbar: das Copyright im Miniformat

Man kann sich vorstellen, wie es weiterging: aus dem Spickzettelformat wurden ausgewachsene Din A4 Seiten mit bis zu drei Songs auf einer Seite. Der vordere Teil der Karten nahm jedenfalls immer mehr Platz ein, so viel, dass die rückseitigen Angaben wie Preis und Copyrights immer stärker nach unten auf die Seite rücken mussten. Schließlich blieb so wenig Platz, dass man  die Angaben kaum noch lesen konnte oder gar lesen können sollte… ?! However, ein Bild so eines frühen Fakesheets sehen wir unter diesem Link http://www.cisum.info/oldfakebook.jpg  Diese total illegalen Fake Books kursierten.  To fake heißt im Englischen übrigens auch „improvisieren“,  etwa über ein Leadsheed. Wie es weitergeht mit dem Real Book, das in – sehr beachtlicher, aber immer noch sehr illegaler ­– Fleißarbeit am renommierten Berklee College of Music entstand, folgt in Teil 2 dieses Blogs.

Weitere Quellen zu diesem Artikel finden sich hier. http://digitalcollections.library.gsu.edu/cdm/ref/collection/findingaids/id/80
Inhaltsangabe des Buchs von Kernfeld http://chapters.scarecrowpress.com/08/108/0810857278ch1.pdf
Pulitzer Preis http://projects.ajc.com/services/info/history/
Reelbooks: http://www.bassic.ch/forum/topic.asp?TOPIC_ID=14810574

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Eine Antwort zu “Real Book, Bibel der Jazzer (Teil 1)

  1. Pingback: Mit oder ohne? Noten und Jazz | JAM-RADAR

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