Monatsarchiv: Juli 2012

Die Jazzpolizei

Der Jazzpolizei fehlt die Notrufnummer. Das ist ihr zentrales Problem. Jeder weiß, dass es sie gibt aber niemand kann sagen, wo man sie findet. Wie bei der Mafia, null Service-Orientierung und total retro. Ist doch wahr. Die Jazzpolizei soll  sich endlich eine ordentliche Hotline zulegen.  Aber pronto per favore.  „Guten Tag, Sie sprechen mit Hauptkommissar Meier von der Jazzpolizei. Wie kann ich Ihnen weiter helfen?“ Ideal wäre die Nullachthundertzweifünfeins.  Jeder  kann sich das einprägen, Jazzliebhaber sowieso. Also, liebe T-Kom-Helferlein, reserviert doch bitteschön vorsorglich schon mal die 0-800-II-V-I für die lieben Kollegen, Service geht bei Euch doch in 240 Zeichen! https://twitter.com/#!/search/telkom%20hilft

Über die Jazzpolizei kursieren allerhand Gerüchte. Bei  jeder Jamsession soll mindestens ein Undercover- Beamter im Publikum sitzen. Der typische Jazzpolizist ist männlich, weiß, gebildet, konservativ, europäisch und frustriert. Kurzum: beinahe die Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung besucht Konzerte in verdeckter Mission. Noch Fragen?

Nein ernsthaft, Jazzpolizisten sind Männer zwischen 50 und 60,  die partout glauben, dass nach Louis Armstrong  und Benny Goodman nur noch bekiffte Idioten am Werk waren. Degenerative Nichtskönner, die dem traditionellen, guten Jazz mit modernen Mätzchen, Drogen und schrägen Akkorden den Gar ausmachen. Vom Stomper zum Stümper eine einzige Verfallsgeschichte. Na schön, das war vielleicht ein bisschen arg. Immerhin gibt es Jazzpolizisten, die  Charly Parker und Miles Davis gelten lassen, aber dafür die 80er Jahre so richtig verdammen. http://www.laut.de/Jazz-%28Genre%29

Berührung mit der Jazzpolizei haben zahlreiche Künstler gehabt, von der Nachkriegsjazz-Legende Paul Kuhn bis hin zu Gretchen Parlato – sogar beim Internationalen Jazzfestival in Montreux. Aber die wenigsten sprechen gern davon. Als wärs so ’ne Art gelbe Karte. Beim Freejazz allerdings zieht der Jazzpolizist Rot. So nicht, Sportsfreundchen, raus aus dem Jazz, Abmarsch! Free ist definitiv der Anfang vom Ende. Keine Form, kein Thema, kein Halten.  Viel zu rauh, zu revolutionär, zu aggressiv, um noch Jazz zu sein.

Irgendwie kann man’s der Jazzpolizei nur schwer recht machen. Henning Sieverts verrät im Herrenzimmer, dass  die Jazzpolizei Till Brönner gerne vorwerfe,“  er mache gar keinen Jazz. Seine Musik sei zu glatt und ohne Aggressivität.“ http://bit.ly/OqwXBU

Manche Menschen sind aber doch froh, dass es die Jazzpolizei gibt, was hier nicht unterschlagen werden soll. Forumsteilnehmer nabatov zum Beispiel vermerkt, dass der Besucher eines Jazz-Festivals sein Eintrittsgeld zurückforderte, weil die Musik für ihn kein Jazz gewesen sei. Wynton Marsalis – der Konservativste unter den Modernen – versuchte angeblich mit ein paar seiner eigenen Cds zu retten, was zu retten war. Wenig genug: Als man dem verärgerten Zuhörer die Rückzahlung verweigerte, holte er die Polizei.

Und die Moral von der Geschicht? Lieber erst mal hinhören, auch bei der Jazzpolizei. Es gibt sie nämlich doch. Ihre Mission? „Stets im Einsatz gegen das organisierte  Erbrechen…“  oder wie die Band von sich selbst sagt, als „spektakuläre Alternative zu Beamtenjazz  und Halbglatzenswing“.  Hier gehts zum Video: http://www.youtube.com/watch?v=qYR0AYKpJys
Jetzt frag ich mich doch : Wer schreibt eigentlich bei Wikipedia den Artikel  Klamaukjazz?!

http://www.youtube.com/watch?v=qYR0AYKpJys&feature=relmfu
http://www.kurzefrage.de/musik-partyzone/265171/Dass-es-eine-Jazz-Polizei-gibt-weiss-ich-gibt-es-denn-auch-eine-Rock
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1493965/
http://www.m.news.de/medien/855172636/paul-kuhn-haelt-nicht-viel-von-bloeden-basedrums/1/
http://www.herrenzimmer.de/2007/01/22/melanchophon-mark-wyand-eye-to-eye/
http://www.jazzcity-net-edition.de/jazzpolizei/39-jazzpolizei/517-ach-fas
http://www.laut.de/Jazz-%28Genre%29

http://feedback.telekom-hilft.de/#

But you have to got style in whatever you do

 

„But you have to got style in whatever you do – writing, music, painting, fashion, boxing, anything“.
Miles Davis, Trompeter

 

(aus: The Autobiography with Qunicy Troupe, Picador 1990, S. 179) . Und dazu ganz lässig lesen:  Coolness. Über Miles Davis. Von Tobias Lehmkuhl, Rogner & Bernhard, 2009

http://www.rogner-bernhard.de/titles/show/431
http://www.titel-magazin.de/artikel/186/6366/tobias-lehmkuhl-coolness-%C3%BCber-miles-davis.html

Real Book, Bibel der Jazzer (Teil 1)

Die Tune-Dex-Cards waren nur 3×7 Zoll klein. Sie sind die Mutter aller real exi- stierenden Real Books. Erfunden hat sie  Mr. George Goodwin, der sehr rechschaffenene Programmdirektor bei W S B, einer Radio-Station in Atlanta, GE.     c/  Kevin Fleming

Das Jazz-Standardrepertoire findet sich im Real Book.  Ein ominöser Name, zu dessen Entstehung mehrere Hypothesen existieren:  Einige vermuten, dass eine profane lautliche Verwechslung mit dem Reelbook, jener Sammlung von schottischen und irischen Volkstänzen vorliegt. Auf Englisch heißt to reel  „taumeln, wirbeln, aufspulen“, ein Reel ist aber auch eine Papierrolle (bzw. Film- oder Kabel- Rolle oder Garn-Spule). Hier wurzelt das showreel, ein Demoband, auf dem Musiker Stücke bei Verlagen oder zu Wettbewerben einreichen. Der Historiker Mike O‘ Malley schreibt in seinem Blog The Aporetic, dass sich das Real im Namen der Sammlung ironisch von den zahlreichen falschen Akkorden in den zuvor existierenden Fakebüchern abzugrenzen versucht http://theaporetic.com/?p=1094 . Ein Qualitätssiegel mit Augenzwinkern, wenn man so will, schließlich finden sich auch im Realbook noch Transkriptionsfehler. Was sind überhaupt Fake Books ? Diese illegalen, von Hand erzeugten Lied-Abschriften kursierten in Lose-Blatt-Sammlungen während der 30er und 40Jahre. Barry Kernfeld hat in The story of fake-books. Bootlegging Songs to Musicians erforscht, wo sie herkamen.

Jetzt geht’s auch endlich mal mit rechten Dingen zu: George Goodwin,  Programm-Direktor der WSB- „Welcome South, Brother“ – Radiostation in Atlanta, Georgia, erfand 1942 die „Tune-Dex-Cards“ . Das waren etwa 7,8 x 12,7 cm kleine Karteikarten (engl. Indexcards) mit den wichtigsten Angaben zu populären Songs:  Auf der vorderen Seite standen Melodie, Liedtext, Akkordsymbole, hinten Komponist, Texter, Verlag –  und Preisangaben für die zu kaufenden Noten. Goodwin hatte seinen eigenen Firmennamen – „Tune-Dex Inc.“ – als Trademark eintragen lassen und befand sich mit der Nutzung seiner Karten bis 1963 immerhin 21 Jahre auf der legalen Seite. Er konnte sich das Copyright von den Lizenzinhabern für seine Dex-Cards einholen, weil er sie nur als handliches Hilfsmittel im Studio während der Radio-Live-Recordings oder zur Absprache von Playlists einsetzte. Außerdem war er 1948 mit dem Pulitzer-Preis für seine Leistungen beim Atlanta Journal ausgezeichnet worden (das zur WSB-Radiostation gehörte). Sein Name stand also für Seriosität. Man darf nicht vergessen, dass die Rundfunkstation ab den Dreißigern erheblich an Bedeutung gewannen, weil in den Zeiten der Depression die Schallplattenproduktion stark zurückging und auch die Broadwayshows weniger Publikum verzeichneten (vgl. Ekkehard Jost, Sozialgeschichte des Jazz, 2001-Verlag, S. 89f).

Vermutlich aufgrund einer Vorgabe der Rechteinhaber oder aus Selbstschutz druckte er auf seine Karten „Warning! This copy is  intended for PROFESSIONAL use ONLY, an anyone found reselling it will be prosecuted under the copywright law oft he copywright owners.“ http://homer.gsu.edu/blogs/library/2010/10/13/popular-music-tune-dex-cards/tunedex/

Fast unsichtbar: das Copyright im Miniformat

Man kann sich vorstellen, wie es weiterging: aus dem Spickzettelformat wurden ausgewachsene Din A4 Seiten mit bis zu drei Songs auf einer Seite. Der vordere Teil der Karten nahm jedenfalls immer mehr Platz ein, so viel, dass die rückseitigen Angaben wie Preis und Copyrights immer stärker nach unten auf die Seite rücken mussten. Schließlich blieb so wenig Platz, dass man  die Angaben kaum noch lesen konnte oder gar lesen können sollte… ?! However, ein Bild so eines frühen Fakesheets sehen wir unter diesem Link http://www.cisum.info/oldfakebook.jpg  Diese total illegalen Fake Books kursierten.  To fake heißt im Englischen übrigens auch „improvisieren“,  etwa über ein Leadsheed. Wie es weitergeht mit dem Real Book, das in – sehr beachtlicher, aber immer noch sehr illegaler ­– Fleißarbeit am renommierten Berklee College of Music entstand, folgt in Teil 2 dieses Blogs.

Weitere Quellen zu diesem Artikel finden sich hier. http://digitalcollections.library.gsu.edu/cdm/ref/collection/findingaids/id/80
Inhaltsangabe des Buchs von Kernfeld http://chapters.scarecrowpress.com/08/108/0810857278ch1.pdf
Pulitzer Preis http://projects.ajc.com/services/info/history/
Reelbooks: http://www.bassic.ch/forum/topic.asp?TOPIC_ID=14810574

Ich mag keine laute Musik, weil mir dann die Ohren wehtun


„Ich mag keine laute Musik, weil mir dann die Ohren wehtun. Es ist einfach eine Tatsache, dass schnelle Phrasierungen, schnelle Artikulationen leiser leichter und genauer zu spielen sind. Ein großer Stein ist schwerer zu rollen als ein kleiner.“ 
Albert Mangelsdorff, Posaunist

(aus:  J.E. Behrend:  Ein Fenster aus Jazz, S.70)

Wenn jemand so angestrengt jemand anderer sein will

„Wenn jemand so angestrengt jemand ander sein will, hört man davon auch etwas an seiner Musik.“ Sidney Bechet, Saxophonist, Klarinettist, Komponist (über den Klarinettisten Mezz Mezzrow)

(aus: Jazz-Lexikon von Martin Kunzler, Rowohlt 1988,Bd. 2,S.789)

Solche Musik ist ein Grund neu zu leben


„Solche Musik ist mehr als eine neue Kunstform. Sie ist ein Grund, neu zu leben.“
Blaise Cendrars, Imker, Fremdenlegionär, Schausteller, Schriftsteller

(aus:  J.E. Behrend:  Ein Fenster aus Jazz, S. 7)

Strukturiert, chaotisch, organisch? Kleine Sessiontypologie

Typ 1  – Die Fake-Session.
Sie ist überstrukturiert und planwirtschaftlich organisiert. Verglichen mit ihr erscheint die Anmeldeprozedur bei der KFZ-Stelle libertinär. Nummer ziehn, Schilder drucken, abfahrn? Nicht bei der Fake-Session. Zwar fragt der Sessionleiter auch hier: „Was willst du machen?“ und „kein Problem, das kriegen wir schon hin“ (s. Blogbeitrag:  Fünf typische Ansagen… http://bit.ly/LSxdUo). Aber dann kommt  eine Besetzung nach der andern auf die Bühne, die geschlagene zweieinhalb Stunden die Stücke ihrer Setlist abarbeiten. Alles generalstabsmäßig durchgeplant. Einsteigen? Unerwünscht. In Wahrheit sind das natürlich keine Sessions, sondern Konzerte mit festen Combos, die öffentlich aufführen, was sie in den letzten Wochen hinter verschlossener Tür geübt haben.  Bei der Fake-Sesssion geht alles seinen gewohnten bürokratischen Gang. Nur zum Schein klebt das Lable an der Tür, das Spielerische, Experimentelle, ja Risikobehaftete jeder echten Session wird gewissenhaft erledigt.

Typ 2 -Die Brutalo-Session
Hierbei handelt es sich um eine Session nach dem Prinzip j‘aime le brute und meist läuft das  so:   I  c  h   [hier den Musiker mit dem größten Bühnen-Ego ensetzen] kenne das tune, mein Kumpel, der Bassist, auch und der Drummer hat’s wenigstens schon mal gehört. Darum schnell mit einem „Aehh, Aehh, Aehhh!“ (One, two three!) ins Horn stoßen und Boden machen. Gemeinsam starten? Forget it! Abstimmen, ob fünf unisono-Bläser dem armen kleinen Bossa-Thema vielleicht zu arg zusetzen? Bullshit! Die ausgewählten Stücke klingen dann meist auch so. Ein unsauberer Einstieg ebnet holprig den Weg in das Stück, aber nach vier Takten hat die andere Hälfte der Musiker allmählich erkannt – und im Realbook gefunden -, was gespielt wird. Zum Glück wird das Thema das Stückes meist wiederholt. Zum Glück? Bei der Brutalo-Sessions notwendigerweise, denn der zweite Durchlauf sitzt.

Typ drei – Die organische Session
Sie wird manchmal auch „Richtig-geile-Session“ oder „Voll abgefahrne-Session“ genannt. Organische Sessions laufen mit oder ohne Leiter insgesamt sehr gut. Obwohl viel ausprobiert wird und manches danebengeht, sind Konzentration wie Stimmung hoch. Weil alle aufeinander hören und jedes Stück mit einer „Zusammen beginnen, zusammen aufhören“ – Einstellung gespielt wird. Das lässt überraschend viel Freiheit für alles dazwischen Liegende, eben die Improvisation. Bei der organischen Session eröffnen sich zwischen den Musikern und ihren Instrumenten Dialoge und manche Erzählungen sind spannend wie bei 1001 Nacht.